Font Size

SCREEN

Profile

Layout

Menu Style

Cpanel

Ich höre dich, du hörst mich nicht - Gert Richter Empfehlung

Psychologisch messerscharf, moralisch provokant – ein Roman über die Grenzen des Zuhörens

Gert Richters Roman webt ein dichtes Netz aus Schuld, Nähe und Verantwortung um Frank Maria Sellin, einen bezahlten Zuhörer in einem altbürgerlichen „Zuhörbüro“. Hier entladen Klienten ihre Lebensgeschichten – von Seitensprüngen bis zu existenziellen Familiendramen –, ohne Rat zu erwarten, nur mit neutralem Protokoll. Sellin wahrt professionelle Distanz, bis Anne auftaucht: dynamisch, verletzlich, fordernd.

Annes Geschichte – der Unfalltod von Mann und Sohn, eine verdrängte Schuld, die Begegnung mit Klara – reißt ihn aus seiner Haltung des Sich-Raushaltens. Zwischen Nähe und Verweigerung entsteht eine sanfte Liebesbeziehung auf Distanz, die jedoch an Emmas moralischer Krise zerbricht: Mieterhöhungen im Lohnerviertel verlangen Haltung und Handlung. Anne fordert Engagement, Sellin verweigert dieses – und verliert sie.

Stärken sind die präzise Psychologie der Figuren, der dialoggetriebene, mündlich frische Stil und das konsequent durchgespielte Leitmotiv „Zuhören ohne zu handeln“. Die Bezüge zum barmherzigen Samariter und zur Ruanda-Episode wirken nicht aufgesetzt, sondern als Spiegel gesellschaftlicher Bequemlichkeit. Der reale Hintergrund bezahlter Zuhör-Dienste verleiht der Fiktion zusätzliche Schärfe.

Fazit: Ein anfangs irritierender, sehr interessanter und lange nachhallender Roman. Seine größte Stärke liegt darin, dass er unbequem ist – und dazu zwingt, über die eigene moralische Bequemlichkeit nachzudenken.

Der Autor ist sehr vielseitig, unter anderem zeichnet/malt er die Cover zu seinen Büchern selbst. Die grellen Rot- und Gelbtöne dieses Buchcovers brechen wie Funken aus der Dunkelheit hervor und suggerieren Momente scheinbarer Nähe, etwa wenn der Zuhörer die Sorgen anderer aufnimmt. Gleichzeitig erzeugt das überwältigende Schwarz ein Gefühlschaos, das Isolation und Überforderung ausdrückt – ein Sog, der alles verschlingt, ohne echte Verbindung herzustellen.

​Genau dieses Chaos spiegelt die einseitige Dynamik wider: Nähe durch Zuhören, doch Chaos durch fehlende Gegenseitigkeit, was die empathische Belastung der Protagonisten greifbar macht und auch die Zerrissenheit der scheinbaren Nähe spürbar werden lässt.

Sehr gern empfehle ich dieses Buch der Leserschaft weiter.

Heidelinde Penndorf

(Januar 2026)

Klick zum Kauf des Taschenbuchs

Klick zum Kauf des eBooks

 

 

 

 

 

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Ok