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Norbert Sternmut

 

Norbert Sternmut zählt zu den bekanntesten Lyrikern der Gegenwartsliteratur, Persönlich weiß ich wenig über ihn zu sagen, da ich ihm live noch nicht begegnet bin. Bisher habe ich zwei seiner Werke gelesen und rezensiert und es werden sicher noch einige seiner Bücher dazukommen. Sternmuts Gedichte sind anders als viele, die ich kenne. Sehr oft metaphorisch und man muss zwischen den Zeilen den Gedanken des Dichters nachgehen. Er fordert seine Leser heraus, genau hinzuschauen, genau zu lesen, seinen Gedankengängen zu folgen, zu fühlen und zu verstehen, auch zu assoziieren.

Doch all das ist zu wenig, um über ihn ein Porträt zu schreiben, da werde ich diesem Künstler nicht gerecht. Deshalb habe ich mir über Norbert Sternmut, die freundliche Genehmigung Herrn Michael Matzers eingeholt, sein publiziertes Porträt des Schriftstellers und Künstlers Norbert Sternmut verwenden zu dürfen. Ich habe die Publikation 1:1 übernommen, da das Porträt ausführlich und sehr aussagekräftig daherkommt und interessant zu lesen ist.

© Heidelinde Penndorf

 

Zwischen Todesmühle und Siriusflug. Ein Porträt des Künstlers Norbert Sternmut

Nächstes Jahr feiert der Dichter Norbert Sternmut sein 40-jähriges ›Dienstjubiläum‹: 1980 veröffentlichte er seinen ersten Gedichtband, 2018 seinen jüngsten (»Strahlensatz«). Damit belegt Sternmut eine Kontinuität und Konstanz, die heutzutage nur wenige Lyriker vorweisen können. Zudem trat er als Theaterautor und Prosa-Schriftsteller hervor und rief die Veranstaltungsreihe ›Sternmut Literatur Bunt‹ ins Leben. Seit Jahren stellt er seine Arbeiten als Maler und Zeichner aus, die in mehreren seiner Lyrikbände abgedruckt sind, so etwa in (»Totentango«). Ein Porträt sollte sowohl einen Überblick liefern als auch die Frage beantworten, was diesen Künstler auszeichnet. Wohlan.

Der Autor

Norbert Sternmut (= Norbert Schmid), geboren 1958, lebt in Ludwigsburg und arbeitet als Sozialpädagoge. Der Theaterautor, Rezensent, Maler, Lyriker und Romanschreiber erhielt Stipendien vom Land Baden-Württemberg und der Stadt Gerlingen. Er veröffentlichte seit 1980 über dreißig Einzeltitel (siehe Liste unten) und ist in über 50 Anthologien vertreten. Als Maler trat er mit über 75 Ausstellungen an die Öffentlichkeit.

Mit zwanzig Jahren erkrankte Sternmut an Krebs, konnte die Krankheit aber überwinden. Beide Phänomene spielen fortan in seiner Lyrik ab 1980 eine Rolle. Der gelernte Werkzeugmacher wurde nach einem Studium zwischen 1982 und 1987 Sozialpädagoge und ist seit 1993 in verschiedenen Bildungsinstitutionen tätig. Mehr Infos gibt es auf seiner Website http://www.sternmut.de und in der Wikipedia .

Seit 1980 hat Sternmut eine ganze Reihe von Lyrikbänden veröffentlicht, darunter die von auf Buchwurm.org vorgestellten Bücher »Lichtpausenb«, »Photofinish«, »Triebwerk« und »Absolut, du«. In dem Bild & Lyrik-Band »88 Rätsel zur Unendlichkeit« arbeitete er mit dem Grafiker Volker Funke zusammen: Die Rebus-artigen Rätselgrafiken harmonieren mit den frei assoziierenden Gedichttexten Sternmuts. Eine Webseite ergänzt das multimediale Werk auf der Zeit angemessene Weise.

Auf der Prosaseite ist eine Romantrilogie hervorzuheben, zu der »Der Tote im Park« (1999), »Marlies« (2003) und »Norman« (2008) gehören. »Wildwechselzeit« (2011), ein Tagebuch-Roman über die Beziehung zu Christof Schlingensief und dessen Tod, sorgte für lebhafte Debatten (siehe unten). Eine Reihe von z.T. phantastischen Erzählungen erschienen in dem Band »Das Zeitmesser« (Rainar Nitzsche Verlag, Kaiserslautern, 1997). 

Werke

(Quelle: Wikipedia)

 Lyrische Themen

Sternmuts wiederkehrende Themen sind in dem relativ frühen Gedichtband »Lichtpausen« (1994) bereits deutlich herausgearbeitet, denn Sternmut hat sie großenteils von seinem ›prägenden‹ Vorbild Paul Celan übernommen: »Celan war eine lyrische Grunderfahrung für mich, eine Art Prägung, er hat sicherlich meinen Stil beeinflusst«, sagte Sternmut 2003 im Interview. Und der Band »Sprachschatten« (1989), der für Sternmut den ästhetischen Durchbruch bedeutete, meinte im Grunde Celans Schatten. Der Grund ist die innere Verbindung des Autors zu Celan: »Er war so genau in der unfassbaren Weite - auch der Verzweiflung, insgesamt -  in der Erfahrung eines Menschen - die zur Erfahrungsfähigkeit einer ganzen Menschheit herhalten konnte und kann.« Und Erinnerung ist notwendig zur geistig-seelischen Verortung und Selbstvergewisserung, bedingt aber auch das angemessene ästhetische Verfahren.

Weitere Vorbilder

Dass Sternmut ein Anhänger der ›Existenzphilosophie‹ im allgemeinen und von Albert Camus im besonderen ist, merkt der Leser immer wieder. ›Kam daher, ging dahin‹ beschreibt das Geworfensein des modernen Menschen und seine Vergänglichkeit. Der Mensch muss daher nicht nur seine Bestimmung in den Widrigkeiten des Lebens suchen, sondern auch einen Sehnsuchtsort, an dem er zu Hause sein könnte – ein schier unerreichbares Ideal. Immer ist die Erinnerung von zentraler Bedeutung (siehe oben), formuliert in eigenständiger Sprache.

Immer wieder tauchen in den Gedichten Todesbilder auf, wie sie bei einem Vorbild wie Celan zu erwarten sind. Zudem spielt es eine Rolle, dass der Autor schon mit zwanzig Jahren an Krebs erkrankte; dass sein Freund Christoph Schlingensief an Krebs starb; dass sein Kollege Wolfgang Fienhold an Krebs starb – und viele mehr. Das wichtigste, was angesichts dieser reihenweisen Lebensvernichtung – dem ›Seelenvergängnis‹ (»Lichtpausen«, S. 31) - bleiben könnte, wäre die Sprache.

Was sich sagen lässt

Mit der Sprache drängt zumindest das lyrische Ich das Unsagbare zurück. Das Unsagbare wird erstaunlicherweise immer umfangreicher, je mehr Maulkörbe die Öffentlichkeit ihren Diskursteilnehmern verpasst. Kürzlich wurde beispielsweise das Wort ›Asyltourismus‹ für tabu erklärt. So wie hierzulande die Leugnung des Holocaust unter Strafe steht, wurde kürzlich in Polen die bloße Erwähnung, Polen könnten am Holocaust beteiligt gewesen sein, mit Strafe belegt (was absurd ist, denn die Mehrzahl der KZs und Vernichtungslager lag auf polnischem Staatsgebiet).

Da der öffentliche sprachliche Diskurs die Erfahrungswirklichkeit der Zeitgenossen zu einem beträchtlichen Teil definiert, verzerrt sich die Wirklichkeit, bis sie zu einer fremden, weil mit der privaten Welt inkommensurablen Realität geworden wird. Der Bürger wird zum modernen Biedermeier, der sich in seinem Wolkenkuckucksheim behaglich einrichtet. Um genau dies zu vermeiden, muss das lyrische Ich der zersplitterten Realität seine eigene Wirklichkeit entgegenstellen. Aber das geht nur mit einer Sprache, die ganz eigen ist. Das Risiko: unverständlich zu werden. Es muss eingegangen werden, mit dem Mut eines Sisyphos.

In »Sirius«, dem bei Sternmut üblichen Langgedicht, das sich in »Lichtpausen« findet, ist überraschend das Thema des Exodus, des Aufbruchs zu einem erhofften Land der Freiheit, deutlich formuliert. Von Joshua, Moses' Assistent und Nachfolger, und diversen Schlachten ist die Rede, mehrfach wird den Widersachern gedroht, als verfüge man über die entsprechende Autorität. Doch dies ist Wunschdenken (und wird auf einer zweiten, herabgestuften sprachlichen Ebene als solches entlarvt) und versandet durch Zweifel in der Fremdheit und Orientierungslosigkeit. In "Triebwerk" (2005, s.o.) ist der Sirius hingegen ein Sehnsuchtsort, zu dem das Ich und seine Liebste abheben, mit ihm selbst als ›Flug-Schreiber‹.

Lyrische Techniken

 A)    Dekonstruktion

Doch zwischen Jammertal und unio mystica werden, etwa in ›Triebwerk‹, auch andere Noten angeschlagen, und dies mit neuen Instrumenten. Die Dekonstruktion war immer ein Sternmut'sches Sprachverfahren. Häufig erbringt es erhellende Ergebnisse durch die Permutation der Möglichkeiten, z.B. im Wort ›Wurm-fort-satz‹ oder in ›Feuer-Zeuge‹. Zu den Wurzeln der Sprache vorstoßen und ihre Bausteine ebenso enthüllen wie die Absichten ihrer Konstrukteure, das ist eine weitere Aufgabe des Flug-Schreibers. Ach ja, und bitte keinen Nachrichtensand mehr, den man uns ins Auge streut, um uns über die Wirklichkeit hinwegzutäuschen. Diese Dekonstruktion kann durchaus auch Spaß machen, so etwa in einem Capriccio wie ›Endung eines Vorsatzes‹ (S. 30).

B)    Die Leerstelle

Die Dekonstruktion ist eng verwandt mit der wagenden Erkundung der Grenzen des sprachlich Sagbaren. Dort, wo sich Sprache auf der Ebene der Syntax auflöst, ist nun ein Instrument zu registrieren, das der Autor einsetzt: die Ellipse, die Leerstelle. Das ist nichts wirklich Neues im Reich der Lyrik, denn wie sonst könnte eine Metapher funktionieren, wenn nicht der Leser die fehlende Verbindung zweier disparater Elemente herstellen würde? Das ›Löwenherz‹ ist keineswegs das Herz eines Löwen, sondern die Qualität eines Menschen, der ein Herz hat, mit dessen Stärke er so tapfer wie ein Löwe kämpfen kann. Die Metapher zwingt zum Nachdenken und Mitempfinden, aus der Leerstelle heraus.

Jeder Leser von Lyrik muss also entschlüsseln und Leerstellen füllen. Und nur diese anregende Tätigkeit macht Lyrik so befriedigend, denn bekäme man alles realistisch vor die Nase gesetzt, wozu sollte man sich auf sprachliche Wagnisse einlassen? Dann könnte man ja gleich einen Groschenroman lesen, der sämtliche Erwartungen erfüllt, und das auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner.

Lyrik ist anders, und in ›Triebwerk‹ spielt die Ellipse, die berühmten drei Pünktchen (...), eine wesentliche Rolle. Dort nämlich, wo das Sagbare an seine Grenzen stößt und offen wird für alle möglichen Experimente und Spiel-Züge. Wo sich der Dichter nicht mehr hinwagt, wo sich die Syntax ihres vorgegebenen grammatischen Gerüsts entledigt, dort kann der Leser schöpferisch werden, sich einbringen. Er kann neue Ebenen der Bedeutung anlegen, neue Konstruktionen von Wörtern erzeugen, spielen. Und Spielen macht bekanntlich Spaß.

C)    Die Kunst der Fuge

Hingegen finden sich bereits Zeilensprünge, Ellipsen und die typischen Phrasen in Klammern, die für Sternmut charakteristisch sind. Der Leser muss sich in die Leerstellen einbringen und dem lyrischen Ich auf andere Ebenen folgen. Gerade die Rede in Klammern öffnet eine andere Ebene. Es sind mal Hintergedanken, mal Zweifel, häufig aber auch Leitmotive auf einer zweiten Ebene.

Ähnlich, wie in einem Musikstück häufig auch eine zweite Stimme mitschwingt, sei es im Bass, sei es in der Oberstimme. J.S. Bach zu spielen, ohne seinen Begriff vom ›Generalbass‹ zu verstehen, wäre ziemlich witzlos – die Hälfte der Musik ginge buchstäblich ›flöten‹. So wie Celan seine ›Todesfuge‹ als Vorbild lieferte, so zeigt sich in fast jedem Lyrikband Sternmuts eine solche der Fuge. In »Triebwerk« trägt sie den Titel ›Entspiegelung‹, in »Lichtpausen« den Titel ›Sirius‹. In »Absolut, Du« (1998) erstreckt sich die Fuge ›Echo‹ über rund 17 Seiten. Hier raunt es gar mächtig: Wörter wie ›heilig‹, ›ewig‹ und ›geheim‹ werden keineswegs persifliert oder ironisch gebraucht, sondern als hehre erstrebenswerte Ziele an die Wand der Imagination geworfen.

Hier probt Sternmut den hohen Ton Hölderlins, reduziert auf die Vokabeln Celans. Aber wohl ist dem heutigen Leser dabei nicht zumute. Zu oft wurden diese pathetischen Elogen und Vokabeln in braunen Zeiten missbraucht. Mehr der Gegenwart und ihrem zynischen Urteil zugewandt sind in »Absolut, Du« Gedichte wie ›Fetisch‹, in denen sich erotische ›Abweichler‹ in sonderbaren Gefilden wie der Jagd wiederfinden. Das zeugt vom Humor und dem kritischen Bewusstsein des Zeitgenossen Sternmut.

 Die Romane

Zu den ersten Romanen Sternmuts gehört die Trilogie aus »Der Tote im Park«, »Marlies« und »Norm@n« (siehe oben). In dem Kriminalroman »Der Tote im Park« (1999) lässt Sternmut die Frage nach den üblichen Morddetails offen, stellt vielmehr implizit die Frage, ob es überhaupt einen Mord gegeben hat. Bildet sich der Ich-Erzähler den Inspektor, dem er die Geschehnisse beichtet, nur ein? Ist er vielleicht sogar schizophren? Der Leser kann nicht wissen, sondern nur vermuten: Das subjektive Zeugnis des Erzählers lässt einen stets an der Wahrheit, an der wiedergegebenen Wirklichkeit zweifeln.

Insofern ähnelt seine Tätigkeit der der Medien in unserer modernen Welt: ein subjektiv gefärbter Filter, der sich je nach Interessenlage in der Filter-Blase seine eigene Wahrheitsversion bastelt. Er kann sich sogar erlauben, den ›Inspektor‹ zu foppen und herauszufordern. Denn es gibt keine unwiderlegbaren, objektiven Beweise. Offenbar ist Wahrheit ebenso wie Realität relativ. Sternmuts Roman macht dies in jeder Zeile deutlich. --

In »Marlies« (2003) darf sich der Leser auf alles gefasst machen, denn die rothaarige lüsterne Marlies macht sich wieder einmal über den wankelmütigen, mit Regina verheirateten Schriftsteller Norman her, der selbstverständlich keine Chance gegen ihre Attacke hat. Marlies ist die Zerstörerin, Aphrodite und Kalí in einem, Normans femme fatale. Marlies' Verhältnis zum Schriftsteller Norman, über das nun endlich mehr zu erfahren ist, verhindert, dass er sich ihr verweigern kann. Seine fatale Muse ist für ihn ebenso lebensnotwendig wie die treue Versorgerin Regina. Über kurz oder lang wird Norman jedoch vom namenlosen Inspektorin verhaftet, wegen Mordes an seiner Geliebten Eva Adam.

Für den durchschnittlichen Krimileser, der nur eine einigermaßen spannende Unterhaltung für zwei bis drei Tage erwartet, nach denen er den nächsten Krimi ›verschlingen‹ kann, eignet sich »Marlies« nur in sehr eingeschränktem Maß. Schon bald bildet nämlich das Spiel mit der Fiktion Stolpersteine auf dem Weg zur Unterhaltung. »Marlies« bietet kein Paralleluniversum, sondern eine Spielwiese, auf der sich der Autor nach Belieben auslässt, wonach ihm der Sinn steht.

Wenn dies also kein ›richtiger Krimi‹ ist, dann ist es vielleicht ein erotischer Liebesroman? Die Marlies-Figur als verführerische Muse, die den Schriftsteller aus Reginas fürsorglichem Herrschaftsbereich (als Hera) in das Reich von Eros und Sexus entführt, ist die klassische Hexe. Und die Norman-Figur verbrennt sich an ihr regelmäßig die Finger, bedient sich ihrer aber ebenso gerne. Wahrscheinlich schreibt er sogar über Marlies (engl. "lies" = Lügen). Was aber, wenn dieser Erlebnisdurst seine Existenz zerstört?

Die wichtigste Ebene des Romans dürfte die des reflektierenden Spiels mit Figuren, Gedanken, Empfindungen und Erinnerungen sein. Der Autors verfügt hier über ein breites Repertoire, das durchaus seinen Reiz hat. Immer wieder verweist er auf Samuel Beckett: »Das letzte Band« und »Warten auf Godot« sind in diesem Zusammenhang die maßgeblichen Werke. Gut, wenn man sie schon kennt. Das optimale Scheitern - vielleicht lässt es sich auf dieser Grundlage besser beurteilen. Der Leser sollte auf jeden Fall die nötige Spielfreude mitbringen.

»Wildwechselzeit«

Der Prosaband »Wildwechsel« hat viele Rezensenten beschäftigt. »Es ist ein Prosaband, der in Form eines Tagebuchs strukturiert ist, der weiterhin eine innere Struktur über den Zusammenhang einer psychoanalytischen Therapie erhält, in der sich der Protagonist scheinbar befindet«, sagte Sternmut im Interview.

Inspiriert wurde das Buch tatsächlich vom Buch »So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein!« von Christoph Schlingensief, der darin seine Krebserkrankung schildert, ebenfalls in Form eines Tagebuchs. »Bekannt ist, dass ich selbst meine Krebserkrankung bereits im Alter von 20 Jahren hatte«, erläutert Sternmut. »Die Art und Weise, wie Schlingensief das Thema Tod und Krankheit behandelte, hat mich inspiriert, hat mich persönlich beschäftigt, wie er auf Joseph Beuys zurückgehend den Weg zu einer absoluten Offenheit und Transparenz ging oder gehen wollte.«

Und weiter: »Auch 'Wildwechselzeit' handelt davon, eine Art Transparenz zu fordern, eine Ehrlichkeit auch sich selbst gegenüber, bei allen Zweifeln, Disharmonien, die uns das Dasein bringt, gehört doch der Zweifel dazu, bis hin zur Verzweiflung, die Krankheit – dies wollte ich in diesem Prosaband aufzeigen.«

Die Theaterstücke

Schon 1985 begann Sternmut, Theaterstücke zu veröffentlichen. Das erste war »Goldene Zeiten«. 15 Jahre später folgten die Stücke »Trainingscenter« (2000) und »Metallica« (2001). (…)

Die Stücke ergänzen seine Prosa und Lyrik, denn, wie Sternmut im Interview sagt: »Durch zahlreiche Projekte versuchte ich durch meine Kunst im öffentlichen Raum zu wirken. Über die Jahre finden sich zahlreiche Projekte zu bestimmten gesellschaftlichen, gesellschaftspolitischen, soziokulturellen Themen. Es gab etwa Projekte zum Thema Arbeitslosigkeit, Rechtsradikalismus usw. im sozialen, öffentlichen Raum. Zahlreiche Projekte sind im Spannungsfeld zwischen Kunst und sozialer Arbeit entstanden.«

Und weiter: »Ich sehe durchaus eine Aufgabe der Kunst und der Literatur darin, gesellschaftspolitisch, gesellschaftskritisch, soziokulturell zu arbeiten innerhalb eines poetologischen und philosophischen Ansatzes, auch wenn es nicht die Aufgabe meiner Kunst ist, jede tagespolitische Regung zu kommentieren.« Insofern sind die Stücke eine weitere Ausdrucksform des Sozialpädagogen, in den öffentlichen Raum zu wirken.

Malerei

Im malerischen Bereich entstanden 2014 / 2015 in einer längeren Arbeitsphase zum Teil großformatige Bilder unter dem Projekttitel „Die Wörter“. Dieses Projekt würde Sternmut thematisch als Entwicklung der »Sprachschatten« in den malerischen Bereich hinein sehen, hin zu einer übergreifenden Sprachform der Bilder, des Wortbildes, der Bildwörter, einer Überführung der Sprache auf eine erweiterte Sprachebene jenseits der Worte, die sich nicht mehr auf vereinbarte Grenzen und Verbindungen bezieht. »Die Worte sind jeweils getrübt von den Vorstellungen, die mit ihnen verbunden sind. Die Sprache der Worte ist jeweils mit Kalkül, Erinnerung, Sozialisation usw. belastet. Da sie nicht anders kann, ist es nötig, dass sich das reine Bild in die Sprache fügt, die Sprache ins Bild, um sie von allem an ihr Haftenden möglichst zu befreien.«

Sternmut weiter: »Das visuelle Bild oder das akustische Bild ist von den überkommenen Ketten befreit. Der Betrachtende bekommt keine stützende Anleitung zur Bestimmung oder Zuordnung, wird aufgefordert im Moment des bewussten Betrachtens, sich selbst die dazugehörige Sprache zu entwerfen, aufgefordert, sich selbst ein Bild zu machen. Dieser Moment ist unhaltbar wie jeder 'Augenblick' - nicht zu beschreiben und haltbar zu machen.«

Das Bild müsse flüchtig bleiben, könne sich ›bestenfalls‹ für einen kurzen Moment in der Vorstellung des Betrachters öffnen, um mit dem nächsten Wimpernschlag wieder zu verschwinden, wenn das betrachtende Bewusstsein sich schließt." Die Entwicklung seiner Malerei gehe dahin, die Umklammerung zu lösen, die Vorgabe durch Worte, Stimmen möglichst zu ersticken, sich vom gelernten Gedächtnis und der gelernten Zuordnung zu befreien. Im Projekt »Die Wörter« gehe es demzufolge darum, Worte und Stimmen mit Bildern zu vereinigen, entsprechend einer besonderen Kombinatorik.

»Ich bekomme weitgehend positive Resonanz auf die Gemälde«, freut sich der Maler Sternmut. Sehr oft werde die ›Buntheit‹ als ›schön‹ empfunden. Darüber hinaus fände jedoch eine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem ›inneren Kern‹ der Werke nur selten statt, bedauert er. Grundsätzlich stoße die bewusste Verwendung von Disharmonien, Brüchen, Auflösungen, Zerstückelungen usw., wie sie durchgehend auch als Inhalt und Form im malerischen Werk vorkommt, eher auf Ablehnung.

Der SMLB

Seit 2009 betreut und moderiert Sternmut die monatliche Veranstaltungsreihe „Sternmut-Literatur-Bunt“ (SMLB). Sie ist nicht auf die Region Ludwigsburg beschränkt, wo Sternmut seit Jahren lebt und wirkt. Die Veranstaltungsreihe ist auch nicht auf AutorInnen beschränkt. »Wir stellen in erster Linie AutorInnen, aber auch MalerInnen, MusikerInnen, ganze Musik- und Theatergruppen vor«, so der Autor. »In der Konzeption schrieb ich, dass Menschen mit einer 'Vorstellung' vorgestellt werden. Das bedeutet für mich, dass sie ihr Eigenes präsentieren, einmal von Vorträgen zu anderen KünstlerInnen abgesehen. Ich frage danach, ob der Autor, die Autorin, der Künstler, die Künstlerin etwas zu sagen hat und von dem überzeugt ist, was sie/er produziert. Eine andere Beschränkung gibt es nicht.«

SMLB veröffentlichte in Zusammenarbeit mit dem Pop-Verlag in Ludwigsburg kürzlich eine Ausgabe der Literaturzeitschrift »Bawülon – Süddeutsche Matrix für Literatur und Kunst - 2/2017 (26)« zum Thema SMLB. Dort werden die vergangenen Jahre seit Gründung 2009 nochmals kurz im Überblick vorgestellt. Es gibt ein Interview über die Entstehung, die Konzeption, die Kooperationen sowie Pressetexte, und es gibt Gedichte und Prosatexte von AutorInnen, die bei SMLB lasen.

Ausblick

Diese Werkübersicht verdeutlicht die Bandbreite, in der sich der Künstler seit geraumer Zeit auszudrücken versteht. In diesem Porträt ist leider sein soziales Engagement in der Gesellschaft zu kurz gekommen. Deshalb sei hier noch ein kleiner Ausblick angehängt.

Sternmut entwickelt sich immer noch weiter. Er engagiert sich mehr in seiner Malerei und arbeitet an einem Buch über Traumatisierung. »Zuletzt gab es Projekte mit traumatisierten und autistischen Kindern und Jugendlichen. Auch hier wurden die Bereiche Kunst einerseits und soziale Arbeit andererseits wie bereits in früheren Projekten verknüpft. Aus dem Projekt mit den traumatisierten Kindern und Jugendlichen heraus entsteht momentan ein Buch zum Thema Traumatisierung«, sagte der Autor im Interview mit Buchwurm.org. Er will es nächstes Jahr (2019) veröffentlichen.

Neben den jährlichen Lyrikbänden, die er in schöner Regelmäßigkeit seit über 20 Jahren veröffentlicht hat, ›rechnet‹ der Autor ›mit zwei weiteren Romanen für die folgenden Jahre; wenn die Rechnung stimmt, könnte es gerne auch eine weitere Romantrilogie werden.‹ Dazu darf man ihm also möglichst großen Erfolg wünschen. Die letzte Trilogie liegt ja schon über zehn Jahre zurück (s.o.).

Wer sich näher mit dem grafischen und literarischen Werk des Künstlers sowie mit der öffentlichen Resonanz darauf beschäftigen will, der besuche seine umfassende Webseite unter www.sternmut.de. Der oben erwähnte Wikipedia-Artikel bietet laut Sternmut eine aktuelle Werkübersicht sowie weiterführende Links.

 

Michael Matzer © 2018ff

 

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