Mit „Toxisch – Mein. Für immer.“ legt Jes Schön einen Roman vor, der schmerzt, wütend macht und zutiefst berührt. Es ist kein Buch, das man „einfach so“ liest – es ist eines, das man aushalten muss. Und genau darin liegt seine Kraft.
Schon das erste Kapitel entfaltet eine emotionale Wucht, die kaum Raum zum Atmen lässt. Als Leser sind wir dazu verdammt, die Füße stillzuhalten: Wir können nicht eingreifen, egal welcher Brutalität die Protagonistin ausgesetzt ist. Hier wird nichts beschönigt, keine Szene mit Samthandschuhen angefasst. Die Geschichte von Emelie, gefangen in einer Ehe voller psychischer, körperlicher und sexueller Gewalt, trifft mit voller Wucht. Jes Schön schreibt direkt, schonungslos, ohne Weichzeichner – jede Zeile eine Konfrontation mit dem Unfassbaren. Alles fühlt sich erschreckend real an. Besonders eindringlich gelingt der Autorin die Darstellung von Emelies innerer Zerrissenheit: ihre Angst, ihre Anpassung, ihr Schweigen – und immer wieder ihre Entscheidung zu bleiben. Nicht aus Schwäche, sondern aus einem verzweifelten Schutzinstinkt für ihre Kinder. Dieses Bleiben ist kein Versagen, sondern Ausdruck einer Überlebensstrategie, die tief in der psychischen Logik häuslicher Gewalt wurzelt.
Die Dynamik zwischen Emelie und Gabriel ist kaum auszuhalten – gerade weil sie so authentisch wirkt. Manipulation, Kontrolle, Machtmissbrauch: Sie schleichen sich nicht ein, sie sind allgegenwärtig. Besonders erschütternd sind jene Szenen, in denen Gewalt zur Routine geworden ist. Dann tritt die Dissoziation ein – Emelie schaltet innerlich ab, steht neben sich, lässt über sich ergehen, was sie physisch nicht begreifen kann. Dieser psychische Schutzmechanismus macht das Unsagbare greifbar. Für die Lesenden entsteht eine lähmende Ohnmacht. Man kann nicht eingreifen, nur mitfühlen – und das geht an die Grenzen des Erträglichen.
Ein zweiter Handlungsstrang erweitert die Perspektive: Niels, dessen Blick von außen, dessen wachsendes Unbehagen und innerer Konflikt den Roman um eine bedeutsame Dimension ergänzen. In ihm keimt etwas, das man Hoffnung nennen möchte – oder zumindest die Sehnsucht nach einem Ausweg. Dieser Perspektivwechsel verhindert, dass die Geschichte ausschließlich in Dunkelheit versinkt, und er verleiht ihr eine emotionale wie gesellschaftliche Tiefe.
Gerade in dieser Kombination aus persönlichem Drama und gesellschaftlicher Brisanz liegt die Stärke des Romans. Häusliche Gewalt geschieht meist im Verborgenen – „Toxisch“ reißt die Türen auf. Es thematisiert die hohe Dunkelziffer, die Sprachlosigkeit, die falsche Scham, die so viele Betroffene umgibt. Und obwohl die Geschichte emotional schwer zu ertragen ist, wird sie nie voyeuristisch. Die Haltung der Autorin bleibt erkennbar empathisch, respektvoll und von der Dringlichkeit getragen, sichtbar zu machen, was sonst verborgen bleibt.
Sprachlich überzeugt Jes Schön durch Klarheit und Präzision. Die Sätze sind schnörkellos, die Dialoge klingen echt, ungekünstelt, fast dokumentarisch. Die Figuren sind vielschichtig und menschlich gezeichnet, nie zu bloßen Symbolen degradiert. Besonders die Darstellung der beiden Töchter öffnet den Blick auf die subtile Vererbung von Gewalt, auf ihre Spuren im Alltäglichen, im Blick, im Schweigen.
„Toxisch – Mein. Für immer.“ ist kein Wohlfühlroman. Er ist intensiv, verstörend, aufrüttelnd. Aber er ist wichtig – weil er hinsieht, wo andere wegsehen, weil er die Leser emotional fordert und gleichzeitig sensibilisiert.
Ein Buch, das gelesen werden sollte – mit der nötigen Achtsamkeit für die eigenen Grenzen und der Bereitschaft, sich auch dem Schmerz zu stellen und auszuhalten. (Vorsicht Triggergefahr)
Heidelinde Penndorf
(März 2026)
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