„Schönheit, Schnee und Limoncello“ ist ein atmosphärisch dichter Gardasee-Krimi, der mit starkem Lokalkolorit und einer vielschichtigen Figurenwelt überzeugt, dessen sehr komplex konstruiertes Geflecht aus Handlungssträngen jedoch gelegentlich zulasten der Übersicht geht.
Viola Eigenbrodt beginnt mit einem scheinbar „kleinen“ Fall: Ein toter Terrier wird im Hafen von Riva del Garda gefunden, beschwert und ins Wasser geworfen – eine grausame Tat, die rasch deutlich macht, dass hier mehr im Spiel ist als bloße Tierquälerei. Von diesem Schockmoment aus breitet sich ein Netz aus Bedrohungen, Erpressung und alten Schuldgeschichten rund um die wohlhabende Familie Carbone und ihr Limoncello-Imperium aus, in dem auch ein entführter Unternehmer und ein getötetes Pferd eine Rolle spielen.
Besonders gelungen ist die Ermittlerin Brigadiera Patti Mayrhofer, die mit Professionalität, Intuition und einer leisen Verletzlichkeit agiert und dadurch sehr nahbar wirkt. Auch die Nebenfiguren – vom trauernden Ispettore Messner über das Carabinieri-Team bis hin zu der undurchschaubaren Giovanna Carbone – sind plastisch gezeichnet und tragen viel zur psychologischen Dichte des Romans bei.
Der Schreibstil ist flüssig, farbig und mit vielen Details versehen, ohne seicht zu werden. Eigenbrodt fängt sowohl das mediterrane Flair des Gardasees als auch die winterliche Kälte sehr überzeugend ein: Zitronenhaine, Likörmanufaktur, verschneite Berge und mondhelle Nächte ergeben ein eindrucksvolles Panorama, vor dem die menschlichen Abgründe umso schärfer hervortreten. Das Lokalkolorit – von kulinarischen Genüssen bis zu Einblicken in Zitronenanbau und Wintersport – wirkt sorgfältig recherchiert und authentisch, wodurch sich der Roman deutlich von „austauschbaren“ Regionalkrimis abhebt.
Spannung entsteht weniger durch blutige Gewaltexzesse als durch das stetige Nachziehen einer Schlinge: Drohbriefe, Symbolhandlungen an Tieren, ein mysteriöser Skiunfall, alte Verbindungen und nicht ausgesprochene Wahrheiten fügen sich nach und nach zu einem dunklen Bild. Die vielen Puzzleteile, falschen Fährten und Verknüpfungen sind grundsätzlich reizvoll – man muss als Leserin aber bereit sein, konzentriert dabei zu bleiben.
Hier liegt zugleich der Kritikpunkt, der für meine Bewertung entscheidend ist: Der Roman ist sehr reich bestückt mit Nebengleisen, Nebenfiguren und biografischen Exkursen (etwa zu Messners Vergangenheit, Lukrezias Vorgeschichte oder Familienkonstellationen im Umfeld der Carbones). Das ist inhaltlich interessant, nimmt dem eigentlichen Kriminalfall aber bisweilen den Fokus. Stellenweise hatte ich das Gefühl, den roten Faden kurz aus den Augen zu verlieren, weil zu viel gleichzeitig angespielt und erst spät wieder aufgegriffen wird. Wer stringente, klar gebündelte Ermittlungsplots schätzt, könnte sich hier gelegentlich etwas „überladen“ fühlen.
Auch das Ende ist stimmig und logisch, wirkt aber im Verhältnis zur zuvor fein aufgefächerten Komplexität fast etwas knapp – manche Andeutungen hätte man gerne noch klarer aufgelöst gesehen.
Viola Eigenbrodt schreibt atmosphärisch stark, charaktertief und stilistisch sicher; der winterliche Gardasee, die feinen Milieubeobachtungen und die ungewöhnliche Ausgangslage (Hund statt Menschenleiche) machen den Roman zu einer besonderen Lektüre. Gleichzeitig führt die Fülle an Themen, Figuren und biografischen Seitensträngen dazu, dass der zentrale Fall zeitweise in den Hintergrund rückt und die Übersicht ein wenig leidet.
Für mich ist „Schönheit, Schnee und Limoncello“ ein sehr guter, aber nicht ganz makelloser Krimi – atmosphärisch ein Genuss, plottechnisch an wenigen Stellen etwas überfrachtet.
Gern empfehle ich das Buch der interessierten Leserschaft weiter.
Heidelinde Penndorf
(März 2026)
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