Wenn Nähe nicht mehr Geborgenheit bedeutet
Mit ihrem neuen Roman „Nähe ist kein Zuhause“ gelingt Verena Dahms ein leises, tief berührendes Buch über den schmalen Grat zwischen Anpassung und weiblicher Selbstbestimmung. Für mich ist es vor allem eine Geschichte über einen Menschen, der sich selbst fast verloren hat – und den Mut finden muss, sich wiederzufinden.
Die Geschichte beginnt im goldenen Herbstlicht von Paris. Ariane verlässt ihre vertraute, perfekt geordnete Welt, um ihrem Ehemann Laurent nach Marseille zu folgen. Was zunächst wie ein gemeinsamer Aufbruch in ein neues, vielleicht sogar aufregenderes Leben erscheint, wird zunehmend zu einer Reise nach innen. Und genau diese leise Verschiebung hat mich beim Lesen besonders berührt. Denn Ariane kommt nicht einfach in Marseille an. Sie kommt irgendwann bei sich selbst an – und der Weg dorthin ist alles andere als bequem.
Verena Dahms erzählt diese Entwicklung ohne große Gesten. Gerade darin liegt für mich die Stärke dieses Romans. Die Autorin lässt vieles zwischen den Zeilen entstehen und gibt ihren Figuren den Raum, sich selbst zu entlarven. Marseille wird dabei weit mehr als eine Kulisse. Der raue Mistral, das flirrende Licht, die Farben und Gegensätze der Stadt spiegeln Arianes innere Unruhe. Zwischen dem Alten Hafen und den engen Straßen scheint auch ihr bisheriges Leben plötzlich enger zu werden. Die Stadt fordert sie geradezu heraus, die Mauern einzureißen, hinter denen sie sich so lange eingerichtet hat.
Besonders eindrucksvoll fand ich die wechselnden Perspektiven von Ariane und Laurent. Beide werden nicht einfach in Gut und Böse eingeteilt. Wir erleben ihre Gedanken, ihre Ängste, ihre Verletzlichkeit – und erkennen, wie unterschiedlich zwei Menschen dieselbe Beziehung erleben können. Ariane hat sich über Jahre hinweg in der Rolle der eleganten Ehefrau eingerichtet. Nach außen scheint alles zu stimmen. Doch während sie versucht, den Erwartungen gerecht zu werden, verliert sie immer mehr den Kontakt zu sich selbst. Ihre Sehnsucht nach Freiheit und echter Weite habe ich als sehr berührend empfunden, gerade weil sie nicht laut daherkommt. Auch Laurent ist eine Figur, hinter deren kontrollierter Fassade sich zunehmend Risse zeigen. Sein beruflicher Ehrgeiz und sein Bedürfnis nach Kontrolle schützen ihn offenbar selbst vor Ängsten und Unsicherheiten, die er lange nicht wahrhaben wollte.
Was mir an diesem Roman besonders gefallen hat: Verena Dahms urteilt nicht vorschnell. Sie nimmt ihre Leserschaft mit, lässt sie hinschauen. Und manchmal ist genau dieses Hinschauen viel unbequemer als ein klares Urteil. Auch die kunstgeschichtlichen Bezüge haben mir gefallen. Die weichen Lichter Renoirs und die brennenden Farben Van Goghs werden zu einer zusätzlichen poetischen Ebene und verbinden die äußere Welt mit der inneren Bewegung der Figuren.
Ein Gedanke aus dem Roman ist mir dabei besonders nachgegangen: „Befreiung beginnt nicht mit einem großen Schritt, sondern mit dem Mut, stehen zu bleiben.“ Für mich steckt darin sehr viel von dem, was diesen Roman ausmacht. Manchmal beginnt Veränderung nicht damit, dass wir irgendwohin gehen, sondern damit, dass wir endlich innehalten und uns fragen, wo wir selbst geblieben sind.
„Nähe ist kein Zuhause“ ist für mich deshalb nicht einfach eine Geschichte über eine Ehe oder einen Neuanfang. Es ist eine stille Seelenreise. Eine Geschichte über Anpassung, über Abhängigkeit, über die Angst vor Veränderung – aber vor allem über den Mut, sich selbst wiederzufinden.
Und vielleicht ist genau das die Frage, die dieses Buch bei mir zurückgelassen hat: Wie viel Nähe kann ein Mensch aushalten, wenn er sich selbst darin nicht mehr spürt?
Ein leiser Roman, der nicht mit großen Worten nach Aufmerksamkeit verlangt, sondern sich langsam entfaltet – und gerade deshalb noch lange nach dem letzten Satz in mir weiterklingt.
Heidelinde Penndorf
(September 2026)