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Leseprobe: Prequel »Die Vier Reiche - Mission Herodes« Patrick R. Ullrich

 

 

 

 

    Prolog

 

Aus der Bibel der Menschen, Matthäusevangelium: 

     Als aber der Sohn Gottes zu Bethlehem geboren ward, in den Tagen des Herodes, des Königs, siehe, da kamen Magier vom Morgenlande nach Jerusalem, welche sprachen:

      »Wo ist der König der Juden geboren? Denn wir haben seinen Stern im Morgenlande gesehen und sind gekommen, ihm zu huldigen.« Da berief Herodes die Magier mit Hinterlist und ersuchte von ihnen die Zeit der Erscheinung des Sternes. Und er sandte sie nach Bethlehem und sprach: »Ziehet hin und forschet genau nach dem Kindlein; wenn ihr es aber gefunden habt, so berichtet mir, damit auch ich komme und ihm huldige!«

      Und siehe, der Stern, welchen sie im Morgenlande gesehen hatten, ging vor ihnen einher, bis er hoch über dem Orte stand, an dem das Kindlein war. So sahen sie das Kindlein mit Maria, seiner Mutter, fielen nieder, huldigten ihm; taten ihre Schätze auf, opferten ihm Gaben: Gold und Weihrauch und Myrrhe. Gott selbst gab ihnen Weisung, nicht zurückzukehren zu Herodes und so zogen sie auf einem anderen Wege hin in ihr Land.

      Joseph aber erschien im Traum ein Engel, der sprach: »Stehe auf, nimm das Kindlein und seine Mutter zu dir und fliehe nach Ägypten. Dort bleibe, bis ich es dir sage; denn Herodes wird das Kindlein suchen, um es umzubringen.«

     Als aber Herodes sah, dass er von den Magiern hintergangen worden war, ergrimmte er und sandte die Schergen aus, zu töten alle Kinder in Bethlehem und in allen seinen Grenzen, von zwei Jahren und darunter. So wurde erfüllt, was durch den Propheten Jeremias gesagt ist: »Eine Stimme ist in Rama gehört worden, Weinen und viel Wehklagen; Rahel beweinet ihre Kinder, und sie wollte sich nicht trösten lassen, denn sie waren nicht mehr.«

***


Elfengeflüster 

Es hat begonnen, Schwester, es hat begonnen. Das Kind ist in die Welt gekommen.

So ist es, Liebes, denn auch der anderen Welt wurde ein Kind geboren.

Es ist noch so jung und die anderen erheben sich bereits. Kann es bestehen, Schwester?

Es ist nicht allein, Liebes. Er hat es erkannt und er ist von großer Macht – und ein Weiser unter den Seinen.

Viele Gefahren drohen und mehr noch mögen sich verbergen, Schwester, denn er ist alt, mit einem Makel belastet und das Schicksal der Seinen nähert sich ihm.

Vieles geschieht und auch wir sehen nicht alles, Liebes. Hab Vertrauen.

Es ist schwer, Vertrauen zu wahren: Was verbannt war, will zurückkehren – was niedergeworfen, erhebt sich von Neuem. Das Gleichgewicht ist in Gefahr.

Ist es dies nicht immer? Es beginnt gerade erst und so ist noch Zeit, denn alles bewegt sich stets.

Und wir? Und wir? Sehen wir nur zu, Schwester? Lassen dem Schicksal den freien Lauf?

Es ist nicht an uns, Liebes. Noch nicht, denn es ist eine Welt der Menschen. Hab Geduld. Hab Vertrauen. Vertrauen und Geduld.

Ja, Schwester.

 ***


 

»Die Quantenmechanik ist achtunggebietend, aber eine innere Stimme sagt mir, dass das noch nicht der wahre Jakob ist.

Die Theorie liefert viel, aber dem Geheimnis des Alten bringt sie uns kaum näher. Jedenfalls bin ich überzeugt, dass der Alte nicht würfelt.«

Albert Einstein im Streit mit Max Bor

                                  

»Als der Schöpfer die Welten schuf, war es vermutlich nicht seine größtes Anliegen, dass wir alles verstehen müssen.«

Wenduul von Thule zu den Adepten des Magiersanktums

  


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Erster Teil

»Es ist 487 Jahre nach dem großen Krieg in der Welt der vier Reiche;

auf der Erde schreibt man das Jahr 1918

und die Atempause für den Weltuntergang steht bevor.«



 

Das Kind aus dem Baum 

     »Es war nur ein Tier.«

     Der beschwichtigende Tonfall der Frau war deutlich zu hören, auch wenn sie tapfer versuchte, ein wenig Trotz hineinzulegen.

     »Tiere haben einen Sinn dafür. Wer noch hat je einen Borkenkeiler vor einem kleinen Mädchen Reißaus nehmen sehen?«

     Die Stimme, die da so hart und herrisch den kargen Raum der Erdhütte füllte, gehörte zum Müller des Weilers Njörndaal, der gleichzeitig auch das Amt des Ortsmeiers wahrnahm. Bis heute, denn so ein Müller war ein mächtiger Mann unter kleinen Leuten, hatte ihm auch noch nie jemand seine Stellung streitig gemacht. Und nun stand diese kleine, aber überaus wehrhafte Frau vor ihm und kannte nur Widerworte.

     »Wer hat es denn gesehen, Müller? Wer?«

     Absichtlich sprach Ariane, die Frau von Mors dem Köhler, den Erbosten nicht mit seinem Amtstitel an und wich auch seinem Blick nicht aus. Keck schob sie das Kinn vor und die blauen Augen im stupsnasigen, sommersprossigen Gesicht funkelten kampfeslustig. Der Angesprochene registrierte es mit Unbehagen und das ärgerte ihn noch mehr. Anstatt, wie es sich seiner Meinung nach gehörte, demütig den Blick zu Boden zu richten und sein Urteil zu empfangen, empörte sich des Köhlers Weib auch noch frech. Da soll doch Araas’ dunkle Schwester dazwischenfahren!

     »Mein Sohn sah es. Wer bist du, ihm nicht zu glauben, Weib?«, fuhr er sie an und probierte sich in würdevoller Verachtung. So, wie seine Frau es ihm immer beizubringen versuchte – was jedes Mal damit endete, dass er sich anschließend betrank, um ihren mitleidigen Blick zu vergessen.

     »Ein Junge von sechs Jahren, jawohl. Und darauf also stützt sich dein Urteil?« »Er sah, was er sah, und ich glaube ihm.«

     »Grad so, wie ich meiner Tochter glaube!«, begehrte die Köhlerin auf und weder ihre Stimme noch die Klarheit ihres Blickes schwankten.

     »Es ist deine Tochter nicht!«, brüllte der Müller; sein letztes, und, wie er meinte, gewichtiges Argument in den Ring werfend, jedes einzelne Wort betonend.

     »Also rede nicht daher. Aus dem Wald hat er sie angeschleppt und dorthin wird er sie auch wieder bringen, bevor ein Unheil über uns alle kommt.«

     Im Freien, direkt unter der Fensterbank, die nicht, wie der Rest der Behausung, ins Erdreich eingegraben war, kauerte das Objekt des Zwistes und zitterte still vor sich hin. Der Ärger darüber, dass es ihr nicht gelingen wollte, ihre flatternden Gliedmaßen unter Kontrolle zu bringen, erzeugte einen Kloß in ihrem Hals und wütend stellte sie fest, dass sich nun auch noch ihre Augen, ganz gegen ihren Willen, mit Tränen füllten. Diese dummen, eigensinnigen Augen, dachte das vibrierende Bündel erbost. Sie verabscheute die laute, rumpelnde Stimme des Müllers. Sie verabscheute den Mann selbst und am meisten verabscheute sie die Angst, die beide, Stimme und Mann, in ihr auslösten. Alles nur wegen des dummen ... Schweins!

     Dabei war es schon einige Stunden Tag gewesen. Wer sollte denn damit rechnen, im helllichten Sonnenschein einem Borkenkeiler über den Weg zu laufen? Im letzten Moment erst hatte sie das Ungetüm gesehen. Wohl auch deswegen, weil sie die Hänseleien Horges, des Müllersohns, überhören wollte, was ihr derart gut gelungen war, dass sie das Fehlen der hämischen Sticheleien erst bemerkte, als der borstige Muskelberg sich schon angriffsbereit machte. Nahezu unfähig sich zu rühren, prägte sich jede Einzelheit in ihr Gedächtnis: Der krumme Rücken, der wie ein haariger Hügel aufragte. Die mächtigen, gelben Hauer, die kreuz und quer aus dem Maul des Keilers standen, so als hätte sie der Weltenschöpfer selbst, der, wie sie von Ariane wusste, jede Kreatur wirkte, eher nachlässig dort hineingeworfen. Und der böse Blick aus zwei kleinen, unbarmherzigen Augen. Noch während sie hilfesuchend nach Horge sah, schalt sie sich schon dafür.

     Horge ihr helfen? 

     Von seinem sicheren Platz im Geäst einer Esche besah sich der Müllersohn das Geschehen. Und obwohl der Schrecken ihm noch in den Gliedern saß und Angst in seiner Kehle würgte, stieg doch auch lustvoll das Gefühl der Schadenfreude in ihm auf. Heute würde die kleine Hexe bekommen, was sie verdiente.

     »Erzähl ihm doch von deinen Träumen! Vielleicht lenkt ihn das ab!«, schrie er krächzend herunter. Und noch während sie diese ungeheuerliche Gemeinheit zu fassen versuchte, spürte sie den Boden beben, als der Eber auf sie zu donnerte.

     Selbst durch die rasende Angst hindurch, die den ersten Schreck gewaltsam verdrängte, spürte sie Scham, als ihre Blase sich entleerte und es ihr warm die Beine herablief. In diesem Moment beschloss das Mädchen, dem widerlichen Horge nicht das Schauspiel zu bieten, welches er sich erhoffte. Sie würde nicht weglaufen, kreischend dabei um Hilfe rufend, um letztlich doch, unter den Blicken des Verhassten, von der zermalmenden Kraft des Keilers zerrissen zu werden. Wild und entschlossen fuhr sie herum und bemerkte nicht, dass in diesem Moment höchster Not ihr Wille, der normalerweise jenes unheimliche, allgegenwärtige Gefühl in ihr unterdrückte, nachließ und stattdessen ein glühender Zorn in ihr aufstieg. Jetzt aber ängstigte es sie nicht. Ganz im Gegenteil verursachte ihr das Wogen in ihrem Inneren angenehmen Schwindel und gleichzeitig ein Gefühl großer Stärke. Heiß und überwältigend brach es sich Bahn aus ihr heraus. Ein Lichtblitz blendete sie, Staub wirbelte auf, als der Keiler abrupt abbremste und Erdbrocken, Grasbüschel, Steine prasselnd auf sie niederfielen, eine Schramme quer über ihre Stirn rissen und Sand ihr die Augen verschloss.

     Der Gestank von verschmortem Haar stach ihr in die Nase und dann war es auch schon vorbei. Man konnte den riesenhaften Körper hören, wie er durch das Unterholz brach, sich entfernte. Protestierend klang das Grunzen des flüchtenden Riesen und sehr langsam nahm sie verwundert wahr, noch am Leben und nahezu unversehrt zu sein. Blut lief ihr über das Gesicht, als sie sich umdrehte, erschrocken und triumphierend gleichermaßen, nach Horge zu sehen. Vielleicht auch nur, um sich zu vergewissern, ob wirklich geschehen war, was sie für geschehen glaubte; irgendwie hoffend, er würde sich mit ihr freuen, ja, vielleicht sogar Bewunderung zeigen. Freude und Bewunderung, ja! In jedem Falle aber nicht, mit womöglich noch größerer Panik vor ihr als vor dem Keiler, davonlaufen!

     So hatte es sich zugetragen und das kurze Gefühl des Triumphs wich nur zu bald der bedrückenden Erkenntnis, wieder etwas getan zu haben, das die Kluft zwischen ihr und dem Rest der dörflichen Gemeinschaft vergrößerte. Keine Freude über ihr Entkommen, stattdessen misstrauische Blicke, wohin sie nur sah. Nicht wenige wandten sich ab und manch einer vollführte die althergebrachten Zeichen, um den Schutz Araas’ gegen das Böse zu erflehen. Ja, hätte sie denn sterben sollen? Es hämmerte in ihrem Kopf und Tränen flossen in die Kittelschürze Arianes, die sie fest an sich gedrückt hielt, bis der Kummer über diese Ungerechtigkeit in einen unruhigen Schlaf überging.

     Später an diesem Tag war dann der Ortsvorsteher gekommen, hatte seine gewichtigste Miene aufgesetzt und sie war bei den ersten lauten Worten erwacht, um sich darauf flink auf den Platz unterhalb der Fensterbank zu begeben. Da kauerte sie nun und bewunderte und liebte Ariane für jedes Wort, mit dem sie sie verteidigen hörte.

     »Höre, Weib! Dieses Kind wird das Dorf verlassen! Allein oder mit euch zusammen und so wird es geschehen!«, brüllte der Müller in der Stube und riss sie aus ihren scheußlichen Erinnerungen in das scheußliche Jetzt zurück.

Wie gut es tat, einfach nur die gefasste und unerschütterliche Stimme Arianes dagegen zu hören: »Nichts wird geschehen, bis Mors wieder da ist, und das weißt du so gut wie ich, Müller. Und nun gehst du besser, denn mein Mann wird es nicht gutheißen, dass du mich bedrängst in seiner Abwesenheit!«

Das war durchaus ein Argument, das den Müller in seiner künstlichen Empörung bremste, denn der Köhler Mors war von beeindruckender Körpergröße und seine Kleidung mit Muskeln und nicht – wie bei dem feisten Ortsmeier – mit Fett ausgefüllt. So verließ schließlich der Müller das halb in den Hang gebaute Haus nörgelnd und kurz darauf spürte das Mädchen den Blick Arianes auf sich. Vorsichtig linste sie nach oben und zu ihrer großen Erleichterung sah sie ihre Mutter feixen.

     »Na? Wie habe ich mich geschlagen?«

     Seliges Lächeln als Antwort und schon fühlte sie sich von den starken Armen der Köhlerin hoch- und hereingehoben und zum Tisch getragen. Sanft wurde sie abgesetzt, spürte eine kosende Berührung an ihrer Wange. Wie zart doch eine raue Hand sein kann, wenn es der Zärtlichkeit bedarf! Dankbar sah sie Ariane zu, wie jene mit flinken Bewegungen Feuer schürte, Milch zum Kochen brachte und Grieß einrührte. Honig troff reichlich hinein und ein Schnitz Butter zerschmolz langsam in der sämigen Masse. Das war nun wirklich eine seltene Köstlichkeit, und während sie sich Löffel um Löffel in den bereitwillig geöffneten Mund schieben ließ, fing der Schrecken dieses Tages an zu verblassen. Ariane aber zwinkerte ihr zu und beugte sich verschwörerisch nach vorn. »Eines musst du dir merken, Kind. Ein hohes Amt schützt vor Dummheit nicht und der Müller ist ein besonders blöder Kerl.« Mit einem offenen Mund voller Brei starrte das Kind Ariane an. Aber nur kurz. Dann beeilte es sich zu schlucken, um in das gurrende Gelächter Arianes mit einzustimmen.

     In jener Nacht schlief das Kind gut und nur selten träumte es ihm von einem Borkenkeiler, der mit brennenden Rückenborsten durch den Wald preschte, auf der Suche nach demjenigen, der ihm das angetan hatte. Ansonsten wurde sie von ihren beängstigenden Träumen verschont und das geschah selten genug, um dankbar dafür zu sein. Ruhig, friedlich und nicht, wie so oft, von fiebrigen Nachtmahren geplagt, lag sie da und Ariane beobachtete sie dabei. Nahm erneut die Zerbrechlichkeit des kleinen Körpers wahr, das für einen so jungen Menschen ausdrucksstarke Gesicht mit den grauen Augen, die nun freilich geschlossen waren, jedoch im wachen Zustand so viel älter wirkten als ihre kindliche Besitzerin. Was für ein seltsames Kind dies doch war. So seltsam, dass es ihrem Mann und ihr noch nicht einmal recht erschien, ihm einen Namen zu geben; und so nannten sie es eben schlicht Kind.

     Ihr Leben als Köhlerfamilie war schon zuvor nicht einfach und hätte Mors nicht zusätzlich als Fallensteller etwas zum Auskommen beigesteuert, die Not wäre kaum zu bewältigen gewesen. Vor fast einem Jahr war er ausgezogen, um seine Fallen zu prüfen, und zwei Tage später mit etlichen toten Kleintieren um die Hüfte und einem Mädchen von womöglich fünf oder sechs Jahren auf der Schulter zurückgekehrt. Ihre Fragen ignorierte er und wenn er auch, angesichts der Tatsache, einen weiteren Esser gebracht zu haben, etwas schuldbewusst dreinschaute, ließen seine Art und Haltung keinen Zweifel aufkommen, dass jenes kleine Mädchen nun zu ihnen gehören würde.

     Was genau sich zwischen den beiden dort im Wald zugetragen hatte, erfuhr Ariane nie. Vor fast einem Jahr war das gewesen, aber das Kind hatte nur einen winzigen Bruchteil dieser Zeit gebraucht, um einen festen Platz in ihren Herzen zu erobern. Da das Mädchen selbst nichts über seine Herkunft zu erzählen wusste und Mors und Ariane kinderlos waren, freute man sich bald im Dorf über den Zuwachs, und das Glück der Köhler wurde allgemein wohlgefällig betrachtet.

     Njörndaal war nur ein kleines Dorf, ein Weiler fernab jeder größeren Siedlung und inmitten des Tjorkewaldes, an den Grenzen der Grafschaften Tessloher Mark und Gau Bresswang, gelegen. So hatte Njörndaal, je nach Blickwinkel, gleich zwei Herren oder keinen. Bisweilen stritt man sich über den kleinen Weiler, bisweilen vergaß man ihn für Jahre. Das sorgte dann dafür, dass andere, selbst ernannte Herren sich an den kärglichen Vorräten der kleinen Ortschaft gütlich tun wollten und wenn dann ein Großteil der Wintervorräte verschwand, konnten sich die Bewohner noch glücklich schätzen, mit dem Leben davongekommen zu sein. Doch dieses Jahr hatten weder gewöhnliche noch Banditen edlen Blutes den Weiler heimgesucht; und jeden Tag warteten die Menschen auf das Unglück etwas banger.

     So waren die Umstände, als das Mädchen in ihr Leben trat. Als dann die Träume kamen, verfinsterte sich der Himmel der kleinen Familie zusätzlich. Dabei begann es denkbar harmlos. Natürlich träumten auch die anderen Kinder und erzählten davon. Meist die Mädchen, zu denen das Findelkind schnell Kontakt gefunden hatte, und weniger die Buben des Ortes, die Mädchen eher mit Argwohn betrachteten. Alles hätte seine Ordnung gehabt, nur eben, dass die Träume des Neuankömmlings die beunruhigende Eigenart hatten, in Erfüllung zu gehen.

    Als die Kuh des Holzfällers Wissert trächtig war, träumte es ihr von einem gesunden Kälbchen mit einem gescheckten Fell und ihre Freude darüber war so groß, dass sie dem Holzfäller und seiner Frau natürlich aufgeregt berichtete. Wissert war kein Mann, der umsonst zu lächeln pflegte, und auch sein Weib war eine in sich gekehrte Natur. So prägte das Leben in der oft unwirtlichen Umgebung der Grenzgemarkung eben jene Leute und ließ ihnen eine harte Maske wachsen, grad so, als ob sie damit den Härten ihrer Existenz etwas Respekt einflößen könnten. Ein gesundes Kalb aber war eine gute Sache und die ehrliche Begeisterung des Kindes so ansteckend, dass selbst Wissert lachen musste und in seinem stets zur Faust geballten Gesicht ganz neue Linien erschienen. Hell leuchteten diese Risse um die Wette mit den Augen und er und seine Frau konnten nicht genug hören über das sehnlich erwartete Kälbchen, von dem ihnen das Kind immer aufs Neue berichten musste, während ihm Wisserts Frau gesüßten Malzkaffee mit Ziegenmilch vorsetzte.

     Als dann, kaum zwei Tage später, die Kuh kalbte und ein gesundes, buntscheckiges Kälbchen auf wackligen Beinen in die erwartungsvolle Runde guckte, wie eben nur ein Kälbchen gucken kann, da war das Kind selig und mit ihm der halbe Weiler. Jeder wollte ihr über den hellblonden Kopf streichen und ihre Füße berührten den Boden der Scheune an diesem Morgen kaum, derart wurde sie weitergereicht, von einem zum anderen, und ihr war fast schwindlig von den vielen lachenden Gesichtern, in die sie abwechselnd blickte. »Unser Glückskind aus dem Wald«, hatte die alte Derngard mit ihrem zahnlosen Mund speichelsprühend gerufen; und weil sie mit allerlei Wissen um die Heilkraft der Natur, um ihre Pilze und Kräuter, Flechten und Rinden ausgestattet war und als Baderin Njörndaals Respekt genoss, und weil die allgemeine Laune so ausgelassen und eben ausnahmsweise einmal alles gut war, stimmte man allseitig darin überein, dass mit dem Kinde auch das Glück sich im Weiler niedergelassen haben müsse.

     Nur Mors der Köhler schien die Freude nicht zu teilen und seine dunklen Augen blickten womöglich noch dunkler als sonst aus seinem bärtigen Gesicht. Denn er hatte gesehen, wie sehr das Kalb dem Bild entsprach, das die Kleine gemalt hatte. Jede Zeichnung, jeder Farbton des Fells stimmte überein. Langsam, aber nachdrücklich schob sich Mors an sie heran, denn ihm war die Aufmerksamkeit, die das Kind genoss, nicht angenehm. Freundlich schlug er ein Horn von dem Bier aus, das der Ortsmeier gestiftet hatte, doch es war bitter und schal, denn der Meier sparte an den Zutaten und außerdem wollte Mors einen klaren Kopf behalten, so früh am Tage. Dann war er bei ihr und hob sie erleichtert auf seine Schulter, ganz genau so, wie er sie aus dem Wald getragen hatte, und da Mors der Köhler mit Abstand der größte Mann des Weilers war, thronte das Kind stolz und sicher da oben und strahlte Ariane derart an, dass jene unweigerlich zurücklachen musste.

     Und dann geschah es. Von seiner hohen Position in Mors’ Nacken rief das Kind mit heller Stimme, in eigenartigem Singsang, der wohl auf seine immer noch mangelnde Übung im Umgang mit der Sprache zurückzuführen war, herab: »Dem Kälbchen geht es wohl, aber der Sohn des Holzfällers soll gut aufpassen. Denn er wird sich ins Bein hauen und, so ihm niemand hilft, daran sterben!«

     Ganz klar hatte sie es im Traum gesehen, und weil sie doch mit dem Kälbchen recht gehabt hatte, durfte sie den Wissertssohn doch nicht ungewarnt lassen, auch wenn er ein grober Rüpel war. Ruhig war es in diesem Augenblick um sie herum geworden und sie spürte, wie sich die Finger Mors’ um ihre Fesseln fester schlossen. Auch die Bewegungen der kleinen Menge waren erstorben und aller Blicke auf das Kind gerichtet, das nur langsam den Stimmungswandel erkannte. Bleiern lastete die Stille auf allen, denn die Menschen wussten um die Bedeutung von Prophezeiungen und die Furcht um Mächte, die sie nicht verstanden, saß tief.

     »Ach was«, brüllte ausgerechnet der Meier, der, in Ermangelung allgemeinen Zuspruchs, etliches seines Gebrauten in sich selbst geschüttet hatte, in bierseliger Laune, und hieb dem Sohn vom Wissert derbe auf den Rücken. »Sie hat es nicht bös gemeint, Bub. Pass eben gut auf mit der Axt und, wenn es unbedingt sein muss, dann hau dir nicht ins Bein, sondern in den Schädel, denn da trifft sie wenigstens auf Holz!« Sprachs und lachte selbst am ausgiebigsten über seinen Scherz auf Kosten des Jungen, der übellaunig zu dem Kind aufsah. Das erwiderte jedoch seinen Blick so klar und fest, dass er verdutzt innehielt. Der Blick dieser grauen Augen bohrte sich unangenehm in den seinen, und obwohl sie die Lippen nicht bewegte, hörte er ihre Stimme, als wäre sie in seinem Kopf. »Nicht wahr, du wirst achthaben beim Holzschlagen?«

     So sehr ihn die Gewissheit, mit der die Kleine sprach, frösteln ließ, so sehr war er der Meinung, an diesem Morgen schon genug Schmach erfahren zu haben. Wer war er denn, sich von einem kleinen Mädchen zur Vorsicht mahnen zu lassen? Er führte die Axt, die große, die eines Mannes, nun schon seit über einem Jahr. Geräuschvoll und, wie er meinte, männlich, zog er die Nase hoch, spuckte im hohen Bogen aus und würdigte die vorlaute Göre, um die man für sein Empfinden viel zu viel Aufhebens machte, keines Blickes mehr. Immerhin war es das Kalb seiner Familie und nicht das dieser Habenichtse. Der grobe Witz des Vorstehers hatte die Mauer des Schweigens durchbrochen und allenthalben feierte und lachte man wieder. Keiner sprach mehr über den Vorfall und wahrscheinlich wollte es auch niemand. Mors und Ariane tauschten einen erleichterten Blick und nutzen die erste Gelegenheit, die Wissertsche Scheuer zu verlassen.

     Drei Tage später jedoch war Jone, der Sohn des Holzfällers Wissert, tot. Im Wald fand man ihn, nachdem er nicht zum Essen heimkam, und er war ganz weiß und der Boden unter ihm satt von seinem Blut. Die Axt, die große, die, die von Männern geführt wurde, hatte sein linkes Bein in Höhe der Wade fast durchtrennt.

 

-  Ende der Leseprobe -

 


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