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Leseprobe: Anthony Noll und der goldene Zeigefinger (Buch 1): wenn kleine Roboter träumen - Francis Linz

 

--- LESEPROBE ---  

 

Anthony Noll und der goldene Zeigefinger (Buch 1 & 2):

wenn kleine Roboter träumen & wenn kleine Roboter singen

 

                   Francis Linz


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Impressum 


Der Autor über das Buch:

Es ist selbst mir ein großes Rätsel, wieso sich Anthony ausgerechnet mich ausgesucht hat, um seine Geschichte in der Welt zu verbreiten. Denn es verhält sich keineswegs so, wie der der Leser vermuten möchte, dass hier ein Schriftsteller mit einer überbordenden Fantasie am Werk ist, so wie sie der Psychologe Anthony bescheinigt hat, im Gegenteil, manchmal ist sie arg träge, sondern ich bin nur der, der sie niederschreibt. Die Wirklichkeit ist viel profaner: Wir gehen zusammen spazieren und er erzählt. Manchmal auch setzt er sich mitten des Nachts auf meine Brust und erzählt. Und wenn es drei Uhr ist und er mich mitten aus dem Schlaf schreckt. Und ich versuche dann nur, das mit meinen begrenzten Mitteln zu Papier zu bringen.

Nein, da ist meinem Kopf keine Überlegung, kein Planen, ich muss einfach nur das Gehörte niederschreiben. Aber wem sage ich das? Ein Freund von Anthony wird nie daran zweifeln. Anthony lebt, so wie Harry, Pippi und Winnie Puh. Denn in die Realität fliehen nur die, die in ihren Träumen nicht Zuhause sind.


 

      Buch 1

                                       (wenn kleine Roboter träumen)

 

1. Die Weissagung

     „Es ist nur dieser Jahrgang, da bin ich mir ganz sicher“, sprach der Mann in seinem langen Mantel, welcher aus Vogelfedern geflochten war. Bunt und schillernd begleiteten sie jeden Schritt. Er hatte es eilig. Weiß hingegen war sein Haar, das er auf seltsame Weise auf dem Kopf trug. Zumindest an den Stellen, wo er es noch trug.

     Wobei man aber nicht sagen konnte, ob da, wo der Schädel kahl war, dieses auf natürliche Weise verloren gegangen war, des Alters wegen, oder ob es einfach wegrasiert worden war. Wohl eine Mischung aus beidem, denn zu exakt war der Kreis, der sich da auftat, als dass nur die launige Tat der Natur der Ursprung dafür hätte sein können. Außerdem war dort, wo die Haut nackt war, diese mit einer Art rotem Lack übermalt worden.

     Mit einem stark glänzenden Lack, der jeden Lichtstrahl sofort in alle Richtungen reflektierte. Darunter schwebte dann das restliche Haar, das wie zu einem Teller geflochten war. Nicht sehr dick, nur einen oder zwei Finger vielleicht, aber zehn Zentimeter in der Breite. Wenn nicht sogar vorne und hinten noch ein gutes Stück mehr. Sodass man auf die Entfernung fast den Eindruck erhielt, der Mann trüge einen Heiligenschein.

     Das aber täuschte gewaltig. Genauso wie bei dem zweiten Mann, an den diese Worte gerichtet waren und mit dem er heftig diskutierend durch die Gänge des Schlosses marschierte. Wobei marschieren genau das richtige Wort ist, denn es war kein Schlendern weiser Gelehrter, vielleicht versunken im Disput, Raum und Zeit um sich herum vergessend, nein, sondern vielmehr ein konzentriertes Herangehen an die Sache. Man hatte ein Ziel. Ein Ziel, das so schnell wie möglich erreicht werden wollte. Und das um jeden Preis.

     „Nein, nein, mein guter Herr Kollege Ralpanin“, antwortete jetzt der zweite Mann. Wohl genauso alt wie der erste, denn auch sein Haar war weiß, das er in gleicher Weise trug. Wenn er nicht sogar ein paar Tage älter war, wenn man denn den Zustand seines Mantels bei dieser Abschätzung mit in Betracht ziehen will. Denn einige der bunten Federn waren bei diesem abgebrochen und standen wild ab. Was einen abgetragenen, fast schon zerschlissenen Eindruck erweckte. Kurzum, es sah schäbig aus.

     Vielleicht aber sollte man sich bei der Beurteilung des Alters von solchen Äußerlichkeiten nicht irritieren lassen. Vorschnelle Urteile werden gerne erstellt, zurückgenommen werden sie nur selten. Vielleicht war der zweite Mann einfach nicht so eitel wie der Erste. Oder er war auch nur ärmer und konnte sich nicht so oft dieses für seinen Stand so wichtige Kleidungsstück leisten. Denn nur den Sehern war es erlaubt, sich mit den schillernden Federn der Vögel von Saloga zu schmücken. „Das kann nicht sein“, fuhr er fort. „Sie haben den dritten Wurf der Knochen vergessen, der uns eindeutig ein Zeitfenster von fünf Jahren offenbarte.“

     „Nein, das habe ich nicht!“, antwortete der erste Mann trotzig. „Aber wir werden ja gleich wissen, wem von uns beiden der Imperator in dieser Sache mehr vertraut. Ihnen, mein guter Herr Kollege Valaspun, oder doch mir.“ Und kaum hatte er dies ausgesprochen, da standen sie auch schon vor der hohen Tür, die in den Thronsaal führte. Der ihr Ziel war, seitdem sie vor gut einer halben Stunde die Ebene der Magier und Seher in der Unterstadt verlassen hatten.

     Und diese hohe Tür war fast schon ein Tor zu nennen. Das selbstverständlich bewacht wurde. Und zwar von der Leibgarde des Alleinherrschenden. Sonst hätte dieser sich nie und nimmer sicher gefühlt. Viel zu viele trachteten ihm nach dem Leben, als dass sein Schlaf ihm noch Ruhe und Frohsinn versprach. Knechtschaft und Fron war das, was er von seinem Volk forderte. Rache und Tod war das, was dieses ihm dafür entgegen rief. Täglich und aus allen Ecken seines Reiches.

     Dementsprechend waren es gar seltsame Wesen, die da nun standen und die man überall nur Bakonen nannte. Unverrückbar machten sie ein Weiterkommen ohne Einverständnis unmöglich. Und fast sahen sie ein wenig so aus wie Klopapierrollen, auf die jemand, womöglich ein Kind, recht ungeschickt, so etwas wie ein Gesicht gemalt hatte. Auch wenn dieser Vergleich hinkt, nur hinken kann, denn selbstverständlich waren sie ungleich größer, fast an die vier Meter, und schwer bewaffnet. Und wenn man noch dazu genau vor ihnen stand, wie jetzt die beiden Seher, ließ nichts an ihrem Gesichtsausdruck auch nur im Ansatz die Erinnerung an die bunte Fröhlichkeit von Filzstiften aufkommen. Es war nur die Form, die diesen Vergleich erlaubte. Rund wie ein Kreis waren sie und unglaublich gefährlich.

     Dementsprechend ruhig, fast schon unterwürfig, war der Ton, mit dem der soeben mit Valaspun Angesprochene Einlass begehrte. „Bakone tretet bitte zur Seite, denn wir müssen sofort zum Imperator“, forderte er. „Haben wir ihm doch etwas sehr Wichtiges mitzuteilen. Etwas, das keinen Aufschub in der Zeit duldet. Nicht eine Sekunde.“

     Worauf einem dieser schrecklichen Wesen, wie aus dem Nichts, sofort ein Arm aus dem runden Bauch wuchs. Scheinbar ohne jeden Knochen, wie eine dicke Schlange. An dessen Ende so etwas wie drei Finger ein Sprechfunkgerät hielten. Dieses wurde dann an den bunten Mund gepresst und ein paar Sätze hineingemurmelt. In einer Sprache, die aber keinem der beiden Besucher bekannt war.

     Das alles geschah recht zügig. Auf eine Antwort musste dementsprechend nicht lange gewartet werden. Nachdem diese eingetroffen war, auch wenn dies so leise geschah, dass die beiden in ihren bunten Roben Wartenden nichts davon hören konnten, erschien sofort ein zweiter Arm, knapp unterhalb des ersten, etwas dünner und etwas länger als jener, der mit seinen drei Fingern einen Zahlencode auf einer Art Tastatur an der Wand eingab. Wie bei einem Tresor. Was das Tor letztendlich dazu veranlasste, sich mit einem leisen Zischen zu öffnen.

     „Sie werden vom Imperator erwartet“, lautete die knappe Aufforderung einzutreten. In einer Sprache, die den beiden Gelehrten jetzt aber wieder geläufig war. Auch wenn es nicht der Dialekt war, der sonst im Palast von den feinen Leuten benutzt wurde.

     Und die beiden Seher taten sofort, wie ihnen geheißen. Denn die Sache, die sie dem Imperator vorzutragen hatten, war in der Tat von einer Eile, die keinen Aufschub duldete. Und höchst emsig war demgemäß wieder ihr Tritt. Auch, oder vor allem, weil der Thronsaal sehr lang war.

     Sehr, sehr lang sogar. Es gab noch nie einen größeren im ganzen Universum. Man kann es in vielen Metern ausdrücken, aber auch an der Tatsache festmachen, dass die beiden Gesandten des Schicksals nun geradezu an einem Heer von Bakonen vorbeidefilierten, die paarweise ihren Weg säumten. An insgesamt gut einem Gros, was ein Dutzend mal ein Dutzend ist, wenn sich Valaspun nicht verzählt haben sollte. Vor lauter Anstrengung kam der alte Mann sogar ins Schwitzen. Und so sehr sich auch mühte mit Ralpanin Schritt zu halten, so fiel er dennoch immer weiter ab. Er war wohl doch der Ältere.

     Somit war es der andere, der vor den Stufen, die zu des Imperators Thron führten, zuerst auf die Knie fiel und sprach: „Es tut mir leid, Eure Majestät belästigen zu müssen, aber wir beide kommen in einer dringenden Angelegenheit, die sofort einer Weisung Eurerseits bedarf.“

     Der Imperator hingegen war ein Mann in den besten Jahren. So sagt man. Gut durchtrainiert, was man trotz der Entfernung und all des goldenen Glitters erkennen konnte, der geradezu von seiner Uniform tropfte. Und noch mit vollem Haar. Etwas gelangweilt blickte er von seinem prächtigen Sitz all die vielen Stufen herab. Er war schon so lange Imperator, dass es nur sehr wenige Dinge gab, die ihn wirklich hätten noch in Aufregung versetzen können. Zwei alte Seher gehörten da mit Sicherheit nicht dazu. Auch wenn er selbstverständlich die Traditionen beachtete, denn Kraft seines Amtes war er ja der Vorsteher jeder Religion. Es gibt nur einen Gott, und der trägt seinen Namen: ‚Samlan, der Dritte’. Was aber nicht hieß, dass er sie auch achtete. Er machte dies nur, weil es ihm nützlich war. Wenn nicht, dann hätte er schon längst jeden Glauben abgeschafft und all die vor die Tür gesetzt, die ihn für ihn in die Welt trugen. Aber es konnte nicht schaden, erst einmal zu hören, was diese beiden Vogelscheuchen ihm zu erzählen hatten.

     Der Imperator lachte über den so passenden Vergleich still in sich hinein. Ruhig hingegen war seine Stimme, die dann befahl: „Steh auf, Ralpanin, und sprich, was hast du mir Wichtiges zu berichten.“

     Der so Angesprochene tat natürlich sofort, wie ihm befohlen, auch wenn sein Mitstreiter erst jetzt dabei war, sich neben ihm auf die Knie zu werfen. „Eure Majestät, es sind uns unglaubliche Neuigkeiten zuteil worden“, sprach er hastig. „Eine uralte Prophezeiung betreffend. Eine Prophezeiung, die schon all eure Vorgänger gefürchtet haben, mehr noch als all die gelben Teufel von Panakan. Aber wie Ihr wisst, die Knochen, sie lügen nicht. Die Knochen lügen nie!“

     „Ja, ja, die Knochen lügen nie“, wiederholte der Imperator, auch wenn er selbst ganz Anderes glaubte. Alles nur Humbug, aber wenn es ihm nützte. „Und was sprechen die Knochen so, und welche Prophezeiungen meinst du genau, Ralpanin? Es gibt so schrecklich viele von ihnen. Und würde ich jeden Tag einer neuen mein Gehör schenken, bräuchte ich neun Leben, alleine nur um sie zu begreifen.“

     Wenn Ironie im Ton mitschwang, so hatte Ralpanin sie nicht vernommen. Viel zu sehr war er mit seiner eigenen Wichtigkeit beschäftigt. Viel zu sehr, als dass die Umwelt vermocht hätte, irgendeinen Einfluss auf ihn auszuüben. Er bekam ja nicht einmal mit, dass Valaspun erst jetzt dabei war, sich neben ihm keuchend und mit zitterndem Gebein zu erheben. Wobei sein weißer Heiligenschein heftig wippte, so, als stände er im Wind.

     Nein, der Pfad des Planes war klar und gerade, und nichts konnte Ralpanin dabei in die Irre führen. Und so griff er, ohne seinem Kontrahenten auch nur einen Blick zu gönnen, kurz unter seinen Mantel und brachte einen großen Stab zum Vorschein. Einen Stab, der aus irgendeinem Metall gefertigt war und gefährlich glänzte. Fast schon bedrohlich, sodass all die Beschützer des Imperators sich sofort genötigt sahen, aus ihrem Bauch einen schlangengleichen Arm mit einer Waffe erscheinen zu lassen. Hier war es ein Schwert oder eine Armbrust, dort eine Strahlenkanone oder ein Lösch-Mich-Aus.

     Doch die Finger des Allmächtigen gaben sofort ein beruhigendes Zeichen, sodass all das Mordgerät so schnell verschwand, wie es erschienen war. Zurecht, denn Ralpanin bediente nur einen harmlosen Knopf, oben am Knauf des Stabes. Worauf dieser einen Lichtstrahl losschickte, der auf halber Strecke zwischen ihm und dem Imperator eine Art durchsichtige Zeitung erscheinen ließ. Nur viel größer. Zwei auf drei Meter. Auf der geschrieben stand:

 

Und dereinst,

wenn die Zeiten dunkel und finster sind,

und du weinst,

und Angst hast um Frau und Kind.

Dann wird er kommen,

der Erlöser,

und wird vernichten den König,

der wurd immer böser und böser.

 

     Worauf der Imperator, nachdem er die Botschaft gelesen hatte, lachte. Natürlich wieder nur still und leise in sich hinein. Du meine Güte, was für ein alter Mumpitz. Mottenbein und Hundehaar, verflucht sei diese Bande von Sehern! Selbstverständlich kannte er diese Prophezeiung. Hatten sich doch all seine Ahnen vor ihr immer so sehr gefürchtet. Vor allem sein eigener Vater. Die sogenannten Weisen an seiner Seite hatten schon dafür gesorgt. War das doch ihr tägliches Brot. Er aber hatte nicht das Gefühl, dass er noch böser war als eben jener oder als irgendeiner seiner Vorgänger. Warum also sollte die Weissagung ausgerechnet jetzt zutreffen und unbedingt auf ihn? Sie waren alle gemein gewesen, hinterhältig und durchtrieben. Das bringt die Natur des Imperators nun einmal so mit sich. Da kommt man gar nicht aus. Nicht nur der Gene wegen. Verlangt das Amt doch nichts anderes von einem als: Sei gemein und böse. Auch wenn es selbstverständlich Könige gab, die mit Güte regierten. Er hatte davon gehört. Und natürlich einen jeden von ihnen auf der Stelle unterworfen. Das war ihm eine leichte Beute. So gesehen, wem gab das Schicksal also recht? Sie waren jetzt alle tot. Er aber, er lebte. Nein, Gedanken der Liebe und der Fürsorge für das eigene Volk zu hegen, davon hielt er nichts. Das gehört sich nicht für einen Imperator. Das wäre ja geradezu unanständig!

     Und so sprach der Herrscher: „Ich kenne die Weissagung, Ralpanin. Sie ist in der Tat uralt. Was aber ist so Dringliches passiert, dass sie ausgerechnet heute so akut sein soll?“

     Jetzt aber war es Valaspun, der das Wort ergriff, auch wenn er gar nicht gemeint war. Er aber wollte sich nicht so leicht von seinem Nebenbuhler ins Abseits drängen lassen. „Eure Majestät, wir haben heute Morgen die Knochen geworfen. So, wie wir das jeden Morgen tun, singend, im letzten Schein des Mondes“, sprach er. „So, wie es das Gesetz von uns verlangt. Seit Ewigkeiten. Doch das, was wir heute in ihnen lesen mussten, erschreckte unsere Herzen zutiefst. Denn die Knochen, sie sagten unumstößlich: Dieser Erlöser, er ist gekommen, wenn nicht schon sein Geist vor fünf Jahren das Licht erblickte.“ Kurz räusperte der alte Mann sich nun, da er noch immer nicht bei vollem Atem war, dann aber fuhr er sofort fort: „Was jetzt aber nicht heißt, dass es nur zwei oder drei Jahre gewesen sein könnten. Denn zu unklar war die Stellung zwischen Schlüsselblatt und dem Becken.“

     „Genau!“, fiel nun Ralpanin ein, der sich wiederum auch nicht so leicht abschütteln lassen wollte. „Der Erlöser, er ist gekommen. Doch wenn man genau hingesehen hat, mit noch jungen Augen“, und mehr als nur abschätzig, ja, schon voller Verachtung, war dabei sein eigener Blick, wie er über den etwas kleineren Valaspun streifte, „dann hat man erkennen können, dass sich zwei Rippen im Kiefer der Maus kreuzten, die gehäutet und gekocht und vom Fleische befreit dazu auserwählt worden war, uns das Schicksal zu zeigen. Und das steht nun einmal unumstößlich für heute. Und nur für heute! Und da war nichts zu erkennen von einem fünf Jahre währenden Zeitfenster.“ Und dann nahm er Haltung an in seiner Robe aus Vogelfedern. „Ja, Eure Majestät. Heute wurde er geboren, der Erlöser. Und nur heute. Wo aber, das ist nicht bekannt, denn nichts haben die Knochen darüber verraten. Nicht einmal eine Andeutung gemacht, wo wir zu suchen haben: in West oder Ost, in Nord oder Süd, oder ob wir nach Oben gehen sollen oder gar nach ganz, ganz Unten.“

     „Halt, halt!“, rief nun wiederum Valaspun, der sich von den vielen Worten seines Kontrahenten fast erdrückt fühlte. „Das stimmt so nicht, Eure Majestät. Ganz und gar nicht! Es war nämlich nur eine Rippe, die sich am Kopfe zeigte. Und sie steckte auch nicht im Kiefer, sondern in der Augenhöhle. In der Linken, um ganz genau zu sein. Und das heißt nichts anderes als: vor fünf Jahren kann das Geweissagte schon geschehen sein. Mit der Tendenz bis hin zu sechs Jahren, denn mehr als nur steil stand diese Rippe in der Luft.“

     „Das ist so nicht wahr!“, rief nun Ralpanin, sich immer mehr ereifernd, wobei sein Kopf rot anlief. Was angesichts seiner Frisur und seines lackierten Schädels ganz seltsam anmutete. „Es waren zwei Rippen und sie kreuzten sich im Kiefer. Ich habe es doch mit meinen eigenen Augen gesehen. Du aber bist nichts weiter als ein schäbiger Scharlatan! Nie hätte man dich aufnehmen dürfen in unsere Zunft“, und immer tiefer wurde dabei das Rot unter dem Rot und dem Weiß.

In der Tat, es sah bedenklich aus. Doch bevor der Schamane ernsthaft gesundheitlichen Schaden nehmen konnte und sein Kopf vielleicht platzte vor lauter Ärger und sein Heiligenschein einfach so davonflog, befreit von der restlichen Last, fiel der Imperator ein und befahl: „Hört sofort auf euch zu streiten wie zwei zänkische Weiber! Sagt mir lieber, was ich eurer Meinung nach tun soll. Du zuerst, Ralpanin.“

     Der so Angesprochene holte sofort tief Luft. Das half ihm ein wenig, die Ruhe in sich selbst wieder zu finden. Die Ruhe, für die er sonst so berühmt war und die nur ging, wenn eine Lüge sie aus ihrem Bett warf. Dem Bett, das gezimmert war aus dem Gefühl der steten Überlegenheit. Etwas, was immer nur dieser verfluchte Valaspun schaffte. Was für ein ekelhafter Quälgeist.

     War diese Ruhe dann aber erst einmal wieder gefunden, kehrte auch wieder diese seltsame Kühle in Ralpanins Stimme zurück. Und fast eisig waren demgemäß die Worte, die nun zu hören waren: „Die Lage ist ernst, Eure Majestät. So ernst war sie noch nie. Und darum empfehle ich Euch dringend: Tötet alle Wirte dieses Jahrgangs, denn nur dann seid Ihr auf der sicheren Seite. Und nicht einer darf Euch dabei entkommen. Nicht einer von ihnen darf morgen noch atmen.“

     Der Imperator hörte gespannt zu und nickte dann mit dem Kopf, ganz so, als sei er mit dem Vorschlag einverstanden. Was er aber in Wirklichkeit nicht war. Nicht nur, weil Ralpanin nicht zum ersten Mal mit dieser Empfehlung an ihn herantrat. (Wenn er richtig gezählt hatte, war es schon das siebte Mal innerhalb seiner Regentschaft.) Und auch nicht, weil es ihm vielleicht Gewissensbisse bereitet hätte, so viele Seelen zu morden. Als Imperator hatte er schon so viele Tode befohlen, da kam es auf ein paar mehr auch nicht an. Und seien es Millionen. War das doch der Job eines Imperators, so, wie er ihn verstand. Es war eines ganz anderen Grundes wegen. Eines Grundes, der im Schein der großen Thematik betrachtet fast schon ein wenig profan erscheinen wollte. Und so sprach er: „Und was empfiehlst Du mir, Valaspun?“

     Der so Befragte schreckte auf. Oder er tat zumindest so. Auch, als ob er ein wenig überlegen müsse, obwohl die Antwort auf diese Frage auf seiner Zunge längst parat lag. Schon seit dem frühen Morgen, sodass diese, als er dann endlich seinen Mund öffnete, geradezu herauspurzelte wie ein Stein. „Ich, Eure Majestät, ich empfehle Euch etwas ganz anderes“, sagte er. „Tötet niemanden. Stellt aber sofort Wächter an die Seite der neuralgischen Seelen. Am besten immer paarweise. Einen aus dem Hause Xan und einen aus dem Hause Tak. Damit dürfte der Vorsicht genug gedient sein. Mehr bedarf es nicht. Außerdem bedenkt nur, fünf komplette Jahrgänge hinzumorden, was für ein betriebswirtschaftlicher Schaden das wäre. Geradezu enorm! Von der Schwächung Eurer Kräfte gar nicht erst zu sprechen.“

     Und kaum waren diese Worte zu Ende gesprochen, da nickte auch hier der Imperator. Diesmal aber, weil er tatsächlich mit dem Gesagten übereinstimmte. Denn das war ja der Grund, den er am meisten fürchtete. Der so profan wirkende Grund. Und er war froh, dass ihn jemand anderes aussprach. Das wahrte sein Gesicht. Denn was ist ein Imperator schon wert ganz ohne Geld? Nicht viel. Und die Einnahmen, die hier verloren gingen, fehlten dann vielleicht in der Kriegskasse. Und das, was einen Imperator seines Erachtens noch mehr ausmacht, außer böse, gemein und hinterhältig zu sein, das, was seine wirkliche und wahre Bestimmung ist, das ist seine Möglichkeit, immer und wo er will, Krieg zu führen. Wenn er aber nun tatsächlich alle Wirte dieses Jahrgangs töten würde, und vielleicht auch noch die anderen vier Jahrgänge mit hinzu, dann wäre seine Armee in einem Maße geschwächt, dass an Krieg kaum noch zu denken ist. Nicht einmal an einen nur zur Verteidigung. Und er würde dick und fett werden, hier, nur auf diesem Stuhl sitzend. Und es waren doch nur Schlachten, die ihm das Gefühl gaben, überhaupt noch am Leben zu sein. Ihm, der sonst alles hatte, und den sonst alles nur noch entsetzlich langweilte.

     Und so kam es, dass, dies alles bedenkend, der Imperator sein erwartendes Machtwort sprach. „So, wie Valaspun es empfohlen hat, soll es geschehen“, befahl er. Und dass das Gespräch damit für ihn beendet war, war allen Beteiligten sofort klar. Dafür brauchte es keine weiteren Worte. Ein leises Strecken der Finger der rechten Hand reichte völlig aus. Denn so wie Ralpanin für seine Ruhe berühmt war, so war der Imperator für seinen Jähzorn bekannt, wenn man es denn wagte, ihm zu widersprechen. Rückwärtsgehend, sich immer wieder verbeugend, entfernten sich die zwei Seher.

     Die Entscheidung zwischen den beiden Parteien war also gefallen. Was aber nicht hieß, dass nun Ruhe einkehrte. Denn kaum vor der Tür des Thronsaals angekommen, zupfte Ralpanin Valaspun eine seiner vielen abstehenden Federn aus dem Mantel und fuchtelte damit wild vor dessen Nase. „Warum nur hast du gelogen, du scheinheiliger Hund?“, fragte er zornig. „Es waren zwei Rippen und sie kreuzten sich im Kiefer. Ich war doch dabei. Und niemand kann dieses Bild aus meiner Erinnerung löschen. Nicht einmal du.“

     „Ja, ja, mein guter Herr Kollege Ralpanin“, antwortete der so Angegriffene aber nur gelassen, hatte er doch beim Imperator erreicht, was er wollte. „Das mögt Ihr so gesehen haben. Nichtsdestotrotz hat sich das Schicksal für den anderen Weg entschieden. Und wie lang dieser ist, darüber brauchen wir beide nun wirklich nicht zu streiten, denn das vermag keiner zu sagen, so viele Knochen wir des Morgens auch immer werfen. Wir können nur hoffen, alt genug zu werden, um vielleicht ein kleines Stück vom Ende dieses Weges zu sehen.“

     Und kaum war dies kryptische Wort gesprochen, da trennte er sich auch schon von seinem Begleiter und verschwand in einem Seitengang des Schlosses, um den weiteren Geschäften des Tages nachzugehen. Denn Wichtiges war soeben geschehen, aber noch viel Wichtigeres sollte noch geschehen.

 

2. Was muss denn weg?

     Etwas später. Einige Jahre oder auch nur Tage, wer vermag es zu sagen? Auf einem Planeten, blau und rund. Einem Planeten, den seine Bewohner Erde nannten. Zumindest die, die über so etwas wie Sprache geboten. Auch wenn es da natürlich noch die anderen gab. Sie alle zu nennen würde allerdings zu weit führen. Nur so viel: Manche tranken erst Milch, fraßen dann Gras, nur um letztendlich geschlachtet zu werden. Eben von jenen, die die Erde Erde nannten, sich selbst Menschen, und die, die das Gras fraßen und die Milch gaben, zumeist Kühe. Etwas seltener auch Ziegen oder Schafe. Wer aber den Menschen erlaubt hatte, sich Menschen zu nennen, das konnte nie festgestellt werden.

     Und einer dieser Menschen, er hieß Paul. Ober Paul. So nannten ihn alle. Auch die, die nur zufällig mit ihm im selben Haus wohnten und die gar nichts mit seiner Arbeit gemein hatten. Sogar der Postbote, der Bäcker und auch der Fleischer riefen ihn so. War er doch einer dieser Menschen ohne jeden Nachnamen. Das Recht und den Respekt darauf hatte er anscheinend schon vor langer Zeit verwirkt.

     Aber nicht deshalb war Ober Paul in diesem Moment fassungslos, denn dass er so gänzlich ohne Würde war, das war von ihm so gewollt. Was sich hier abspielte hingegen nicht. „Ich verstehe Sie nicht ganz, gnädige Frau?“, sagte er, wobei er den Kopf leicht schüttelte.

Das aber nur, um Zeit zu gewinnen. Und seien es nur diese paar Sekunden. Denn Ober Paul hatte sehr wohl verstanden. Und darum auch war er ja so konsterniert. So etwas war ihm noch nie passiert. Das war ja geradezu unglaublich!

     Doch um die Geschichte genau zu verstehen, in all ihren Einzelheiten, muss dieser Moment der absoluten Fassungslosigkeit von Ober Paul vorerst noch ein wenig zur Seite rücken und die Zeit noch einen kleinen Schritt zurück. Eine Stunde müsste dabei aber genug sein. Der kleine Anthony, acht Jahre alt, dunkelblondes Haar, fast schon braun, blaue Augen und etwas übergewichtig, wenn auch nicht viel, stand im Flur. Seine Mutter wischte ihm mit einem Taschentuch, das sie an der Spitze mit Spucke befeuchtet hatte, einen Fleck aus dem Gesicht. Oder versuchte es zumindest. Im Gegensatz zu all den anderen Kindern dieser Welt wehrte er sich dabei aber nicht. Wusste er doch: Widerstand ist zwecklos. Außerdem war er ja sowieso gleich weg. Wenn auch nicht für immer, dann doch zumindest für dieses Wochenende.

     „Dass du auch artig bist, bei den Walkers“, sagte seine Mutter, während sie emsig weiterrubbelte. Nein, sie befahl es geradezu. Und er nickte dazu nur stumm. „Das sind reiche Leute, vielleicht vererben sie dir ja mal irgendetwas. Vielleicht sogar ihren ganzen Besitz. Dann wärst nämlich endlich auch du zu etwas nütze und würdest uns nicht nur immer auf der Tasche liegen.“

     Worauf Anthony betreten schaute. Das war eine schwere Anklage. Dann nur wieder stumm nickte. Und das, obwohl die Mitte seiner Stirn, an der seine Mutter so verzweifelt versuchte, ihn vom Dreck dieser Welt zu befreien, inzwischen schon heftig brannte. Aber das kannte er schon.

     „Immer an der gleichen Stelle musst du dich dreckig machen, du Ferkel“, murmelte sie, während sie die Augen zusammenkniff, denn sie hatte keine Brille auf.

     Angeblich vertrug sie eine solche nicht und es wurde ihr ganz schwindelig davon. Eine Brille aber hätte ihr sicher geholfen, zu erkennen, dass dieser von ihr entdeckte Schmutz so nicht zu entfernen war. Nicht einmal mit Scheuermilch, wie sie es schon einmal probiert hatte. Und auch nicht mit Essig, denn es war ein Leberfleck.

     Und dennoch blieb Anthony weiterhin ohne Worte, denn seine Mutter auf diesen Irrtum hinzuweisen, hätte ihm nur eine Ohrfeige eingebracht. Wie mehrfach bewiesen. Hasste sie es doch ungemein, korrigiert zu werden. Besonders von so einem kleinen Naseweis wie ihm. Und niemand fürchtete er mehr auf dieser Welt, als eben sie. Nicht einmal seinen Vater.

     „Seid ihr endlich fertig, ihr zwei?“, hörte man diesen aus dem Wohnzimmer rufen. „Die Walkers stehen schon unten und haben gehupt. Und das bereits zweimal!“

     „Los, los, verabschiede dich von deinem Vater“, ließ sich nun wieder die Mutter vernehmen, wobei sie ihn zugleich mit der freien Hand in den Türrahmen schubste.

     Anthony hob müde die Hand. „Tschüss, Dad“, sagte er.

     Worauf dieser nur murmelte: „Ja, ja, mach, dass du endlich vorankommst“, und sich dann auch schon wieder, mit einer frischen Flasche Bier in der Hand, dem Fernseher zuwandte, auf dem irgendeine Sportveranstaltung lief. Anthony konnte einen Ball erkennen, der sich unaufhaltsam einem Netz näherte; wozu auch immer. Dann auch schon war er weg.

     Auch die vier Stockwerke waren schnell geschafft, denn wie ein Gummiball sprang der Junge die Stufen hinab. Er freute sich, auch wenn die Walkers nicht das waren, was er Freunde nannte oder wie er sich gar Eltern vorstellte; wenn er sich denn andere hätte wünschen können als die, die er seine eigenen nannte. Für beides waren sie zu alt. So um die fünfzig. Im Großen und Ganzen gesehen waren sie aber recht nett. Immerhin schlugen sie ihn nicht. Und in der Welt, wie er sie kannte, war das ja auch schon etwas wert.

 

* 

     Eigentlich kamen ja Menschen wie die Walkers, mit Menschen wie den Nolls, wie Anthony mit Nachnamen hieß, nicht in Berührung. Dafür war die gesellschaftliche Kluft zu groß. Und dennoch war es dazu gekommen. Wieso und warum? Das ist schnell erklärt. Denn einer Lehrerin in der Schule kam Anthonys Verhalten mit den Jahren immer merkwürdiger vor, und so schickte man ihn, nach Rücksprache mit dem Jugendamt, zu einem Psychologen. Für zehn Sitzungen. Der führte einige Tests durch und attestierte ihm dann, als Resultat all dieser, eine gesunde Intelligenz, gepaart mit einer manchmal etwas überbordenden Fantasie.

     Was die Lehrerin wiederum sehr überraschte, brachte der Junge in der Schule doch kaum den Mund auf. Sprach angeblich nur mit Bäumen. (Was auch stimmte. Und am liebsten mit dem Baum auf dem Schulhof. Da gab es nämlich nur den einen. Denn diesem konnte er all seine Sorgen anvertrauen und der gab ihm auch immer eine gültige Antwort. Selbst dann, wenn das Leben schwer und unerträglich schien.) Sonst blieb der Junge aber meist stumm und betätigte sich so gut wie nie am Unterricht. Schaute nur aus dem Fenster und summte leise vor sich hin. Und gab, wenn man ihn denn aufrief, zumeist nur völlig sinnlose Antworten. Einmal, zum Beispiel, auf die Frage: „Wie viele Beine denn Spinnen hätten?“, sagte er nur: „Mittwoch.“ Mehr nicht. Und setzte sich dann einfach wieder auf seinen Platz, ganz so, als sei damit das Rätsel gelöst. Oder verpflanzte, als es darum ging, mit dem Stock in der Hand auf der großen Leinwand, die in Erdkunde immer vor die Tafel geklemmt wurde, Hauptstädte den entsprechenden Ländern zuzuordnen, Moskau mitten ins Meer hinein und ließ es dann einfach so untergehen. Wohl im Bauch eines großen Walfisches oder eines ähnlichen Ungeheuers. Was aber letztendlich sein Geheimnis blieb, denn auf die Frage, was es denn da jetzt so albern zu grinsen gäbe, wenn man sich so derart blöd anstellt, gab er nun wiederum, wie gewohnt, keine Antwort. Ging zurück zu seinem Pult, setzte sich auf seinen Stuhl, sah aus dem Fenster und summte leise vor sich hin.

     Und eigentlich hätte es damit gut sein können, ein Kind mit gesunder Intelligenz muss nicht auf die Sonderschule. Diese Frage war somit beantwortet. Doch zufällig befand sich zu genau der Zeit, als Anthony seine Sitzungen absaß, auch Frau Walker bei diesem Psychologen in Behandlung. Aus dem Grunde, war doch ihr einziger Sohn erst kürzlich auf so tragische Weise ums Leben gekommen. Was sie sehr betrübte. Er war, als er die Regenrinne des Hauses säuberte, mit der Leiter umgekippt und direkt in einen Zaun mit spitzen Latten gefallen. Nur drei Tage vor seinem zwanzigsten Geburtstag. Und als sie nun eines Tages wieder einmal das Sprechzimmer verließ, mit einem Herzen, das durch das Reden und Weinen mindestens ein Pfund leichter war, und Anthony wartend davor sitzend sah, hatte sie sich sofort in ihn verliebt. Ihn in eben jenes Herz geschlossen, das jetzt so viel neuen Platz besaß. Was als ein großer Zufall zu werten ist, denn sonst begegneten sie sich nie. Aber an diesem Tag war Anthony ausnahmsweise pünktlich. Das einzige Mal!

     Und in der Tat, Frau Walker, die alle nur die gute Nancy nannten, war sogar richtig vernarrt in ihn. Wieso auch immer, denn Anthony war nun wahrlich kein Kind, das man sofort umarmen will. Er war zwar nicht hässlich oder gar abstoßend, aber zu selten lächelte er und zu oft war sein Gesicht ohne jeden Ausdruck. Und das sind nun einmal keine Umstände, die einem die Sympathien Fremder nur so zufliegen lassen wollen. Gänzlich ohne jeden Ausdruck war dieses Gesicht sogar, was, wenn man es genau betrachtete, auch für den Rest seines Körpers zutraf. Es war fast so, als wolle er nie auffallen. Um keinen Preis. Und manchmal, wenn man ihn vor eine graue Wand stellte, hatte man sogar das Gefühl, wenn die Kleidung nicht wäre, er wäre gar gänzlich unsichtbar.

     Eigentlich sollte Anthony ja sofort von den Walkers adoptiert werden, wenn es nach diesen gegangen wäre. Wogegen sich die Nolls aber vehement wehrten. Auch seine Mutter. Was Anthony wiederum sehr erstaunte. Besonders geliebt fühlte er sich von ihr ja nicht. Und auch wenn die Walkers sehr reich waren, sehr, sehr reich sogar, so war dem sonst so leicht zu bestechenden Vorsteher des Jugendamtes dennoch immer bewusst, dass sie für eine legale Adoption leider schon zu alt waren. Und so sagte er ab. Und da half es auch nicht, dass man auf dem Amt sehr wohl darum wusste, wie locker oft die Hand der Frau Noll saß und wie sehr ihr Mann dem Bier zugeneigt war und schon darum nie eine Arbeit fand.

     Aber dass Anthony direkt verwahrlost sei, das konnte man nun wiederum auch nicht behaupten. Seine Kleidung war immer frisch gewaschen. Er war zwar etwas auffällig im Verhalten, das wohl, aber das sind viele andere Kinder auch. Das reicht noch nicht aus, ihn so einfach aus dem Schoß seiner Familie zu reißen. Da sind die Vorschriften nicht zu beugen. Und da konnte die gute Nancy flehen, soviel sie wollte, und noch so viele kleine Scheine in die Schachteln mit Konfekt legen, die in diesen Tagen so oft auf den wichtigen Pulten des Amtes lagen. Und so einigte man sich letztendlich darauf, dass Anthony jedes zweite Wochenende bei den Walkers zu Gast sein durfte. Womit dann auch die Nolls einverstanden waren.

     Aber wohl nur deshalb, weil die Scheine, die zuvor noch so ungefragt im Zucker klebten, nachdem sie eine kleine Wanderung durch die Geldbörse von Anthonys Vater angetreten hatten, in Bier und Schnaps umgetauscht werden konnten. Und somit waren alle an dieser Geschichte Beteiligten von dieser Stunde an zufrieden. Sogar der kleine Anthony, denn man zuvor und auch danach nie dazu befragt hatte. Wäre er doch sonst sofort zu den Walkers gezogen. Für immer. Und das, obwohl sie schon so schrecklich alt waren.

 

*

Die letzten fünf Stufen nahm Anthony mit nur einem einzigen Sprung. Ein neuer Rekord, den er erst letzte Woche aufgestellt hatte. Am Wagen angekommen, wurde er dann sofort umarmt und geküsst, was er genauso geduldig über sich ergehen ließ, wie schon zuvor die Behandlung durch seine Mutter. Fast schien es, als sei ihm das eine so viel wert wie das andere. Und auf die Frage, wieso eben jene beküsste Stirn jetzt so rot sei, antwortete er nur, das käme wohl daher, dass er oben an der Scheibe des Fensters gelehnt und auf die Abholung gewartet habe.

     Eine kleine Lüge, die aber mit Bedacht gewählt worden war, denn was sollte er die gute Nancy beunruhigen mit Dreck, der kein Dreck war und der sich mit Spucke einfach nicht besiegen ließ. So aber freute sie sich, dass man ihr Kommen ersehnt hatte, und sagte dann, während sie ihm mit einer ihrer so üppig beringten Hände spaßeshalber auf den kleinen Bauch klopfte: „Jetzt aber, mein kleiner Frosch, gehen wir erst einmal ganz toll etwas essen. Du hast doch sicher einen Riesenhunger?“

     Worauf Anthony sofort nickte, obwohl er nicht verstand, wieso sie ihn immer mein kleiner Frosch nannte. Vielleicht war es deshalb, weil er bei allen Treppen, egal, ob hinauf oder hinab, nie nur eine Stufe allein nahm. Für ältere Menschen ist so etwas ja schon Sport. Aber es war auf alle Fälle besser, als fettes Schwein genannt zu werden oder dreckige Ratte, wie es in der Schule so oft geschah. Und so bestieg er sofort frohen Herzens den Rücksitz, auf dem der Hund bereits mit wedelndem Schwanz auf ihn wartete und auf den er sich, wenn er ehrlich war, am meisten gefreut hatte. Dann fuhren sie auch schon los. Und wie er hoffen wollte, war es auch diesmal das ewig gleiche Ziel: das Fast-Food-Restaurant, das an der Einfahrt zur Autobahn stand. Denn er liebte Pommes frites und Hamburger über alles. Welches Kind nicht? Doch diesmal kam alles ganz anders.

     Ja, die Wege des Schicksals, sie sind in der Tat unergründlich, denn diesmal wollte Herr Walker fein ausgehen. Diesmal gab es kein Fast Food, denn immerhin waren sie jetzt genau dreißig Jahre verheiratet. Er und seine gute Nancy. Und heute war ihr Hochzeitstag. So zumindest erzählte er es mit seiner tiefen Stimme Anthony über die eigene Schulter und die Lehne seines Sitzes hinweg, während sein Blick aber weiter artig über das Lenkrad die kommende Straße kontrollierte.

     Und artig war natürlich auch Anthony, denn er gratulierte sofort, und das, obwohl ihm der Begriff: fein ausgehen, erst einmal große Sorge bereitete. Aber als seine Frage, ob es dort denn auch Pommes frites mit Ketchup gäbe, mit einem selbstverständlichen: „Ja“, beantwortet wurde, war auch er wieder beruhigt.

     Wenn auch nicht ganz, denn eine gewisse Nervosität war einfach nicht abzustreifen. Denn vielleicht war ja fein ausgehen tatsächlich eine tolle Geschichte, wie versichert, vielleicht aber auch nicht. Er wusste es einfach nicht, denn mit seinen Eltern war er noch nie fein ausgegangen. Nicht einmal, als man ihn einschulte. Und ein Hochzeitstag wurde bei ihnen sowieso nie gefeiert. Was ihn aber immer mehr in Zweifel brachte, das war die Tatsache, dass sich anscheinend nur Herr Walker auf dieses Abenteuer mit einem Lachen im Gesicht einlassen wollte, und die gute Nancy eben nicht. „Ach, es muss doch gar nicht so etwas Außergewöhnliches sein“, warf sie immer wieder ein. „Wieso gehen wir nicht einfach dorthin, wohin wir immer gehen. Mir reicht es doch, wenn du mir sagst, dass du mich liebst.“

     Aber auf diesem Ohr war ihr Mann heute taub. So oft sie ihren Satz auch wiederholte. Denn er wollte standesgemäß feiern; und so geschah es dann auch. Doch wenn der gute Mann gewusst hätte, was das letztendlich für dramatische Folgen haben sollte, für sie alle, aber auch für eben jenen bereits erwähnten Ober Paul, dann hätte er es gewiss unterlassen.

 

*

     Sie saßen zu dritt am Tisch, der Hund war im Wagen geblieben. Und eben jener Ober Paul stand neben ihnen. Und noch immer war er fassungslos. So fassungslos, dass er das schon einmal Gesagte nur monoton wiederholte: „Ich verstehe Sie nicht ganz, gnädige Frau?“

     Aber er war nicht nur fassungslos. Das ist und wäre ein viel zu wenig an Worten. Es war, als ob gerade etwas in seiner kleinen Welt zerbrach; und zwar so heftig, dass es nie wieder heil zu machen war. Und wenn man denn einen Vergleich heranholen will, dann war es gerade so, als ob er ein Leben lang in einer dieser Zauberkugeln gelebt hätte, die man nur zu schütteln braucht und es fällt herrlich glitzernder Schnee. Schnee, der ihm die Sicht verdeckte auf die Welt da draußen. Die garstige Welt, die er gar nicht sehen wollte. Nie und niemals, denn hier war sein Platz. Hier war er Ober Paul, ein Mann zwar ohne jeden Nachnamen, aber ein Mann mit einer gewissen Identität.

     Und das, obwohl man ihn so oft schlecht behandelte. Aber Reiche sind eben so. Und sie taten gut daran, denn er war nur geboren, um ihnen zu dienen. Das war seine Einstellung. Und vielmehr noch als das, es war ihr gutes Recht, ihn zu treten und zu beleidigen, denn sie hatten es zu etwas gebracht, und er eben nicht. Nie würde er sich über seinen Rang erheben. Wenn sie ihn nur teilhaben ließen an ihrer Welt, an ihrer Welt voller Luxus und voller Glamour. Das war ihm genug. Doch jetzt das! Das war zu viel. Und ihm war gerade so, als ob ganz langsam eine große Erstarrung alles ergriff und nie wieder Schnee fallen wollte in dieser, seiner kleinen Welt.

     Dass Reiche sich danebenbenahmen, das hatte Ober Paul oft genug zu sehen bekommen. Wenn sie schwer angeheitert sich gegenseitig in die Hosen fassten oder gar betrunken unter den Tisch pinkelten. Das war ihm nichts Neues. Ein großer Schwamm und die Sache war für ihn erledigt. Stand es ihnen doch zu. Sie hatten hart genug dafür gearbeitet. Dass sich jemand aber so gänzlich daneben benahm, sich eines Reichen, wie er sie kannte, nicht würdig erwies, das war hingegen nicht zu akzeptieren. Das war unanständig. Nein, das war geradezu obszön!

     Und so fragte er ein drittes Mal: „Ich verstehe Sie nicht ganz, gnädige Frau?“ So, als ob dieser Fluch, der sich immer mehr über alles legte, was er seine Welt nannte, doch noch irgendwie mit Worten abzuwenden sei.

     Doch ändern tat sich damit nichts. Denn zum vierten Mal bekam er auch die gleiche Frage zu hören: „Was muss denn weg?“ Und es war die gute Nancy, die sie stellte. Vielleicht etwas naiv im Tonfall, aber nichtsdestoweniger unerbittlich nach Antwort suchend.

     Und die gute Frau meinte es in der Tat so. Was muss denn weg? Denn sie und ihr Mann waren nicht immer reich gewesen. Nein, vielmehr hatten sie sich alles hart erarbeitet. Jeden Cent. Erst der kleine Schuhladen, nie Urlaub, keine Zeit, und dann, nach vielen Jahren, die erste Filiale. Heute immerhin zehn. Und somit entsprach sie und ihr Mann, bis dahin, noch ganz der Erwartung, die Ober Paul an seine Kundschaft stellte. Doch von da an trennten sich die Wege, denn sie fühlte sich nicht als etwas Besseres, nur des Geldes wegen. Anderer Dinge wegen hingegen schon. Es war ihr vielmehr peinlich. Nicht, es zu besitzen. Nein! Das war von Gott so gewollt. Sondern damit zu prassen, denn sie war eine gute Christin. Und gute Christen hüllen sich nun einmal in die Gewänder der Demut und der Bescheidenheit. Denn das ist das Dogma, so wie man sie es gelehrt hatte. Mit scharfen Worten von der Kanzel herab. Sei demütig und rechtgläubig, denn nur dann ist das Paradies dein. Und sie wollte doch unbedingt ins Paradies. Dementsprechend wanderte ihr Zeigefinger auf der Speisekarte zwischen den zwei billigsten Gerichten hin und her. Immer und immer wieder. Und was ihr eine Entscheidung dabei so unmöglich machte, das war die Tatsache, dass beide absolut gleich viel kosteten. Bis auf den Cent!

     Erst wurde Ober Paul befragt, was er denn empfehlen könne. Worauf der auf der einen Seite den Fisch lobte, in Butter geschwenkt, auf der anderen Seite von der Einzigartigkeit des Essigs schwärmte, mit dem der Salat vom Küchenchef persönlich verfeinert wird. Was der guten Nancy aber nicht weiterhalf, legte er sich doch damit nicht eindeutig auf eine Seite fest. Und auch nicht nach all den anderen vielen Fragen, die sie ihm noch stellte. Bis ihr letztendlich nur noch diese eine einfiel, die ihr der einzige Ausweg zu sein schien. „Was muss denn weg?“ Denn demütig ist der Christ und isst, wenn es denn sein muss, die Krümel vom Boden in des Teufels Küche.

     Wobei es im Fall der guten Nancy aber schon auch sehr wichtig war, dass alle Welt diese unglaubliche Bescheidenheit ihrer Seele registrierte. Also musste der ganze Disput laut über den Tisch gehen. So laut, dass Anthony vor Scham im Boden versinken wollte. Was ihn immer mehr in seinem Entschluss bestärkte, nie erwachsen werden zu wollen. Was er sich selbst in diesem Moment sogar schwor! Denn diese Erwachsenen, sie waren einfach nur komisch. Die einen so, die anderen so. In dem, was sie taten, und vor allem in dem, was sie sagten.

     Doch sogar Herr Walker schien sich in diesem Moment nicht recht wohlzufühlen. Worauf seine gute Nancy jedoch keine Rücksicht nahm. Denn was sollte sie tun? Was half es ihr, demütig hier auf Erden zu sein, wenn niemand es registrierte. Und wer weiß, vielleicht bedurfte sie ja genau der Zeugen dieses Schauspiels, wenn sie dereinst vor dem Richter stand, der zu entscheiden hatte, ob sie im Schatten des Baumes der Erkenntnis sitzen durfte, nur um der Schlange den Kopf zu kraulen.

     Und erst jetzt fing sich Ober Paul langsam. „Gnädige Frau“, sagte er. „Wir sind das erste Haus am Platz. Bei uns ist alles frisch. Bei uns muss nichts weg. Und besonders das Gemüse ist hierbei zu erwähnen. Ich werde ihnen also den Salat bringen. Was wollen Sie trinken? … Ein Glas Leitungswasser, sehr wohl.“

     Und war diese Hürde dann geschafft, da rauschte er auch schon ab, denn die Bestellungen von Herrn Walker und Anthony waren natürlich längst auf einem kleinen Zettel notiert. Diese Frau aber, sie war ihm zu viel. Und das nur aus dem einen Grunde, war sie doch irgendwie genauso wie er. Sie war nichts Besseres. Sie hatte ihren Reichtum gar nicht verdient. Reiche haben nicht demütig und bescheiden zu sein, das steht ihnen nicht zu. Das ist das Vorrecht der Armen. Nein, niemand war es erlaubt, ihm in diesem Haus diese Rolle streitig zu machen! Somit war klar, sie soll nur das bekommen, was ihr auch wirklich zustand.

     Und so geschah es dann auch. Denn nachdem der Küchenchef nach ihm geklingelt und Ober Paul den Salat von der Theke entgegengenommen hatte, verschwand er für kurzen Moment in einem dunklen Eck, spuckte auf diesen, rührte genüsslich mit dem Zeigefinger um, drehte sich dann wieder Richtung Restaurant, ging in dieses, und stellte die Schüssel, mit einem breiten Grinsen im Gesicht, der guten Nancy direkt vor die Nase. „Wohl bekomm’s, gnädige Frau“, sagte er dazu.

     Worauf diese nur antwortete: „Der sieht aber lecker aus. Und das für so wenig Geld.“

     Ja, das war die richtige Antwort! Und jetzt endlich fiel doch wieder etwas von dem wunderschönen Schnee in der kleinen Glaskugel. Und dennoch, eines wusste Ober Paul genau, in diesem Land, dem seinen, würde es nie mehr so werden wie früher. Nie mehr würde es eine weiße Weihnacht geben.

 

*

     Aber auch die Heimfahrt war ein Desaster. Wenn alle Hochzeitstage so endeten, dann wollte Anthony nie einen feiern. Und er war nur froh darum, dass auch seine Eltern das nie taten. Denn die ganze Fahrt stritten sich die beiden Alten vor ihm nur. Das hatte er zuvor noch nie bei ihnen erlebt. Aber wenigstens schlugen sie sich nicht und es waren nur Worte, die da flogen, keine Hände. Auch schlimm, aber besser zu ertragen.

     Er warf ihr vor: „Da will ich dir einmal etwas Gutes tun und du lässt mich nicht. Du denkst immer nur an dich!“

     Worauf sie ihm antwortete: „Der Herr mag es nicht, wenn man mit dem Geld prasst!“

     Und dann ging es in dem Ton weiter: „Ach ja, und die ganzen Brillanten an deinen Fingern, was ist das?“, fragte er sie.

     Worauf sie antwortete: „Das ist etwas ganz anderes.“

     Immer hin und her ging es. Immer und immer wieder. Und auch bei der Erinnerung an die Pommes frites kam bei Anthony keine rechte Freude auf. Sie waren labbrig. Nicht so kross frittiert wie in der Filiale der Fast-Food-Kette. Er hatte sie daher in eine Serviette gerollt und sie dann, einen Streifen nach dem anderen, dem Hund auf dem Rücksitz zum Fressen gegeben. Zumindest der freute sich. Nie wieder wollte er fein ausgehen. Was für ein Blödsinn! Das war nur etwas für Erwachsene. Nie wieder würde er sich von den Walkers zu so etwas Schrecklichem überreden lassen.

     Und fast war es so, als ob der Himmel ein Einsehen hätte, denn Anthonys Wunsch wurde erfüllt. Nie wieder würde er mit den Walkers fein ausgehen. Das war gewiss. Wenn auch dieser Wunsch ganz anders in Erfüllung ging, als von ihm angedacht. Denn irgendwann eskalierte der Disput auf den Vordersitzen.

     Wieso und warum? Anthony wusste es nicht. Den genauen Anlass hatte er nicht mitbekommen. Diese Welt war nicht die seine und darum hatte er auch schon lange aufgehört zuzuhören, kraulte mit einer Hand den Hund im Nacken, sah aus dem Fenster und summte ansonsten nur still vor sich hin. Bis es dann plötzlich so laut wurde, dass er gar nicht umhin kam, wieder Anteil zu nehmen. Die gute Nancy zog nämlich einen Ring nach dem anderen von ihrer Hand, der rechten wie der linken, und warf diese ihrem Mann auf den Schoß, wozu sie sagte: „Sieh hin, ich brauch das alles nicht. Ins Paradies kann man so etwas ohnehin nicht mitnehmen. Nur das reine Herz.“

     Eine Tat ohne jeden Sinn. Nicht nur für Anthony. Aber sie alleine wäre noch nicht schlimm gewesen. Doch jetzt reihten sich tragische, kleine Umstände aneinander, so lange, bis sie alle zusammen letztendlich ein großes Unglück heraufbeschworen. Zuerst purzelte einer der Ringe nämlich auf den Boden und rollte bis hin zum Gaspedal, dann machte sich einer seiner Brüder daran, durch die leicht gespreizten Beine auf den Sitz zu fallen und von dort seinen Weg bis unter das Gesäß des alten Mannes zu finden, wo er zwar nicht sehr heftig, dafür aber stetig und penetrant in das weiche Fleisch bohrte, was wiederum den Gepeinigten letztendlich dazu nötigte, aufstehen zu wollen, und mit einer Hand nach dem Übeltäter zu suchen. Kurzum, man ahnt es schon, rutschte der rechte Fuß über den am Boden liegenden Ring und drückte so das Gaspedal zur Gänze durch. Nur eine Hand am Lenker wurde dieses prompt verrissen und eine Leitplanke zerbarst. Reste davon sprangen in die Luft und eine Windschutzscheibe zerbröselte in tausend Teile. Und obwohl die Splitter dieser Leitplanke nur aus Holz waren, so waren die beiden Walkers, von selbigen getroffen, dennoch wahrscheinlich sofort tot. Kein Mensch hätte das überleben können.

     Und vielleicht hätte es ja wenigstens für Anthony und den Hund eine Rettung geben können, wer weiß, aber wie es großen Unglücken nun einmal zu eigen ist, musste all dies natürlich ausgerechnet auf einer Brücke passieren. Auf einer Brücke, die einen Fluss querte. Der Wagen machte demgemäß noch einen halben Salto durch die Luft, schlug klatschend mit dem Dach auf die Wellen auf, und schon drang eisiges Wasser in einem einzigen großen Schwall durch das große Loch in der Front herein. So schnell, dass der Junge nicht einmal die Chance bekam, zu überprüfen, ob denn der Schwimmkurs, den er erst kürzlich in der Schule im Sportunterricht belegt hatte, sich auch für die Praxis in freier Natur eignete. Er wurde sofort ohnmächtig. Nur kurz war ihm noch so, wie in einem Traum, als ob ein seltsames Wesen, aus dem Wasser kommend, diffus leuchtend in seiner Erscheinung, nach ihm griff. Nach ihm und seinem Leben.

     War das der Liebe Gott?

 

3. Ein seltsames Erwachen

     Anthony erwachte. Oder es war ihm zumindest so, als ob er erwachte. Es war so gewohnt. Fast wie daheim. Hatte er doch das Gefühl, mit dem Rücken auf einem weichen Bett zu liegen. Und vor allem, da war kein kaltes Wasser mehr. Allerdings, ob er die Augen tatsächlich geöffnet hatte, was für ihn zu einem ordnungsgemäßen Erwachen dazugehörte, oder eben nicht, das konnte er nicht sagen, denn es veränderte sich nichts. In beiden Fällen war es stockdunkel. Und von einem Lichtwesen, gar von einem Lieben Gott, war nun auch nichts mehr zu entdecken.

     Es war aber nicht nur dunkel um ihn herum, es war sogar schwarz. Pechschwarz! So schwarz, dass er sich, kaum dass seine Gedanken sich ordentlich wieder in Reih und Glied stellten, die eine entscheidende Frage stellen musste. Und das, obwohl er das nicht wollte. Aber nach dem zuvor Erlebten konnte sie gar nicht ausbleiben. Diese eine entscheidende Frage, die da lautete: Hatte er überhaupt noch so etwas wie Augen oder war er vielleicht doch tot?

     Nein, diese Frage wollte Anthony sich nicht stellen. Kein vernünftiges Wesen will das. Und so kam sofort eine große Angst in ihm auf. Eine Angst, die immer weiter und weiter wuchs. Und wenn das hier tatsächlich das Paradies sein sollte, von dem ihm die gute Nancy immer so gerne erzählt hatte, wohin die Seelen gehen nach dem Tod, dann wollte er es genauso wenig, wie er jemals wieder fein ausgehen wollte. Wie konnte man sich auf so etwas freuen? Erwachsene waren wirklich komische Geschöpfe. Er, auf alle Fälle, wollte nicht für immer in tiefster Schwärze liegen. Das war kein Spaß. Das war einfach nur gruselig.

     Doch plötzlich gab es eine Veränderung!

     Obwohl nein, das stimmt so nicht, denn es war eigentlich gar keine Veränderung. Anthony hörte jemand atmen. Sowohl an seiner linken sowie auch an seiner rechten Seite. Und das schon die ganze Zeit. Was er jedoch nicht vernommen hatte, da er von seiner eigenen Angst so gefangen war. Die jetzt allerdings sofort ein wenig zurückwich. Er war anscheinend doch nicht allein. „Seid ihr es, Nancy, John?“, fragte er vorsichtig.

     Nancy, John, so hatte Anthony die Walkers noch nie genannt. Und das, obwohl sie es ihm oft genug anboten. Sie hießen für ihn aber immer nur: Herr und Frau. Alte Menschen heißen nun einmal so: Herr und Frau. Aber hier im Paradies war es wohl erlaubt, einmal eine Ausnahme zu machen. Denn wer sollte sonst neben ihm liegen? Sie waren die letzten Menschen, die er zu sehen bekommen hatte. Und dass er in den Hundehimmel gekommen war, glaubte er nun auch wieder nicht. Wieso auch? Außerdem war der Hund allein gewesen und konnte sich somit schlecht auf zwei Seiten aufteilen. Doch es gab keine Antwort. Waren die beiden Alten vielleicht auch tot?

     Und sofort wieder kroch diese schreckliche Angst durch Anthonys Glieder. Diese Angst ohne Grenzen. Doch nein! Das konnte nicht sein. Tote atmen nicht. Er hatte in der Schule zwar nie richtig aufgepasst, aber im Fernsehen, bei den Krimis, war das immer ein sicheres Zeichen. Man hielt einen Spiegel vor den Mund des vermeintlich Ermordeten, der beschlug, und alle atmeten erleichtert auf. Vor allem eben der Tote. Und so probierte er es noch einmal: „Nancy, John, warum sprecht ihr nicht mit mir?“ Worauf er diesmal immerhin so etwas wie ein leises Grummeln erntete.

     Ein Grummeln, das Anthony aber seltsamerweise weder dem linken Atmen noch dem rechten zuordnen konnte. Es lag anscheinend noch ein kleines Stück daneben. Und jetzt antwortete es sogar mit ganzen Sätzen: „Dass du es nie abwarten kannst, Ant, bis uns Glomp weckt. Und was ist das für ein Quatsch mit, Nancy und John? Sind das vielleicht Namen aus der Schule? Und welchem Haus gehören sie an?“

     Auch wenn er ja auf ein solches Lebenszeichen gehofft hatte, erschrak Anthony heftig über diese fremde Stimme aus der Ferne, obwohl sie auch einem Kind zu gehören schien. Einem Knaben. Und vor allem erschrak er heftig über das Gesagte. Denn anscheinend waren es nicht Nancy und John, die da neben ihm lagen. Aber wer war es dann?

     Instinktiv versuchte er sich aufzurichten, um einen Überblick zu erhalten. Was angesichts der ihn umgebenden Schwärze eigentlich ohne jeden Sinn war.

     Aber auch so, der Umstände wegen. Und sicher hätte Anthony es unterlassen, wenn er darum gewusst hätte. Denn nur kurz war der Weg seines Kopfes nach oben. Höchstens eine Handbreit, denn dann auch schon schlug er grob gegen ein Hindernis an. So grob, dass er sofort in seine Ausgangsposition zurückgeworfen wurde. Und erst jetzt merkte er: Er war gefangen! Und die Angst in ihm, die so kurz sich zu zähmen wusste, sie wuchs wieder. Wuchs und wuchs. Immer schneller und immer schneller, so weit, bis er meinte, es nicht mehr aushalten zu können.

     Doch bevor der Gefangene wirklich losschreien konnte, um der Welt seine Furcht zu verkünden, lauter noch als jede Feuerwehrsirene, was er gewiss getan hätte, geschah etwas Neues, so plötzlich und unerwartet, dass ihm fast der Atem stillstand. So still stand, dass nicht einmal mehr Luft für nur ein einziges Wort da war, und sei dieses auch nur geflüstert. Denn es wurde blitzartig hell um ihn herum. Strahlend hell! Und auch das Hindernis, mit dem seine Stirn gerade noch so unliebsam Bekanntschaft geschlossen hatte, verschwand wie mit einem Ruck. Er war frei!

      Und so war es auch wirklich, denn dieses Hindernis war nichts weiter gewesen als ein Deckel. Der Deckel einer Kiste. Einer ziemlich flachen Kiste, in der er sich liegend fand. Das aber nicht allein, denn neben ihm lagen plötzlich noch drei andere Kinder.

     Und damit der Überraschungen noch immer nicht genug. Denn jetzt tauchte auch noch ein völlig fremdes Gesicht vor Anthony auf. Das Gesicht eines alten Mannes. Das aber, so seltsam es klingen mag, irgendwie auch vertraut wirkte. Fragend lugte es über den Rand. War er vielleicht der Liebe Gott?

     Und in der Tat, der Knabe stellte sich die Frage ernsthaft. So verwirrt war er von den Umständen. Aber der Liebe Gott in der Kirche hatte immer einen weißen Bart. Dieses Gesicht hingegen nicht. Noch dazu bekam es sogleich einen ganz anderen Namen. Einen Namen, der so gar nicht himmlisch klingen wollte. „Guten Morgen, Glomp“, begrüßte es nämlich das linke Kind, das bis vor Kurzem für ihn nur ein leises Atmen war. Gähnend rieb es sich den Schlaf aus den Augen.

     Sofort drehte sich das alte Gesicht eben diesem Kinde zu. „Selbstverständlich auch Ihnen einen Guten Morgen, Fräulein Sims“, sagte es. „Ich hoffe, Sie haben gut geschlafen?“

     Dann fügte es noch an, sich anscheinend an seine gute Erziehung erinnernd, während es einen Halbkreis über die gesamte Kiste machte: „Und natürlich auch einen Guten Morgen für Sie, Herr Ant, für Sie, Fräulein Ramshin und nicht zu vergessen, einen Guten Morgen auch unserem bärenstarken Herrn Broms.“

     Verdammt, was war hier los?

     Anthonys Verwirrung stieg ins Unermessliche. War es vielleicht doch das Paradies, in dem er gelandet war? Es machte fast den Anschein. Nur die Engel fehlten noch. Alle waren so freundlich zueinander.

     Mehr noch als das, gute Erziehung war Trumpf, denn sogleich hieß es von den soeben Angesprochenen, wie im Chor. „Auch dir einen Guten Morgen, Glomp“, und nur er, Anthony, er blieb weiter stumm. Und am liebsten hätte er sich jetzt unsichtbar gemacht. Sein einziges Mittel, der Welt zu entrinnen, wenn er diese nicht mehr verstand. War das alles nur ein Traum? Aber warum erwachte er dann nicht?

     Aber sich unsichtbar zu machen, das gelang nicht. Denn das mit Fräulein Sims angesprochene Mädchen stieß ihn sogleich mit dem Ellenbogen in die Rippen und forderte ihn lachend auf: „Los, Ant, du Schlafmütze, raus aus der Kiste. Die Schule wartet nicht ewig auf uns.“

     Es war so, als ob sie ihn schon ewig kannte. Und eigentlich platzte Anthony schon deswegen vor lauter Fragen: Wo hatten sie sich kennengelernt und vor allem: Wann? Aber sein Gespür im Leben, in bestimmten Momenten einfach nur den Mund zu halten, sich, wenn auch nicht unsichtbar, dann doch zumindest so gut wie unsichtbar zu machen, war so gut ausgeprägt, dass es ihm eben jetzt, in diesem Moment, Selbiges befahl. Schon aus dem Grund, war hier ohnehin das gesamte Geschehen so schrecklich seltsam und verrückt, dass, selbst wenn eine seiner vielen Frage beantwortet worden wäre, sich sofort nur eine neue angeschlossen hätte. Nicht nur bezüglich des Mädchens. Konnte er doch nicht sagen, wo er war, geschweige denn, wie er plötzlich hierhergekommen war. Er wusste nicht einmal, ob er er selbst war. Denn anscheinend hieß er hier nicht mehr Anthony, sondern nur noch Ant. Nun gut, das war immerhin leicht zu merken.

     Alles war nur ein einziges, großes Mysterium. Und so tat Anthony, den man jetzt plötzlich Ant nannte, genau das, was man ihm befohlen hatte. Stumm stand er auf. Wobei er aber versuchte, sich bei seinen weiteren Schritten an den anderen Kindern zu orientieren. Was machten sie, was musste er machen? Denn auch wenn so viele Fragen ungeklärt waren, anscheinend gehörte er zu ihnen, war ein Teil ihrer Gruppe. Denn niemand behandelte ihn wie einen Fremden, und das, obwohl ihm alle so schrecklich fremd waren. Ihre Namen waren zwar leicht zu merken, wer aber waren sie wirklich?

     Nach dem Aufstehen merkte er aber schnell, dass ein großes Umlernen gar nicht nötig war, denn auch hier im Paradies zog man sich erst einmal an. Alle übrigens das Gleiche, wie bei einer Uniform. Mädchen wie Jungen. Es gab hellblaue Unterwäsche, blaue Socken und Schuhe, eine noch dunklere blaue Shorts und ein blau-weiß gestreiftes T-Shirt. Der einzige Unterschied bestand in der Kappe. Die war zwar auch blau, mit weißem Rand, aber es gab anscheinend keine Vorschrift darüber, wie herum man sie zu tragen hatte, den Schirm nach vorne gerichtet oder nach hinten. Die einen machten es so, die anderen so. Dann setzte man sich an den Frühstückstisch.

     Fast war es wie daheim, nur dass sich hier die Küche direkt im Zimmer befand, nicht separiert lag, und dass im Gegensatz zu daheim, der alte Mann sich so benahm, als sei er eine Mutter. Eine Mutter, die Anthony doch noch nie wirklich hatte. Denn daheim musste er sich immer selbst bedienen, die Butter aus dem Kühlschrank holen und das Brot schneiden. Niemand stand dort mit ihm gemeinsam auf. Hier aber war alles schon gedeckt. Und was für köstliche Sachen es gab! Orangensaft, Schinken mit Eiern, fünf verschiedene Marmeladen, ein riesiges Glas mit Honig und sogar einige Scheiben Käse.

     Die Beweise begannen sich zu erhärten. Es war anscheinend doch das Paradies. Und man konnte sich sogar daran gewöhnen. Alles sah so unglaublich lecker und appetitlich aus. Und dennoch bekam Anthony nicht einen Bissen herunter.

     Ganz im Gegensatz zu dem Jungen, der ihm genau gegenübersaß und den sie alle Broms nannten. Denn der aß geradezu so, als ob er ein Loch im Bauch hätte, durch das alles sofort wieder herausfiel.

     Und das ist wahrlich nicht übertrieben, sodass Anthony schon unter den Tisch schauen wollte, ob dem wirklich so war. Geradezu gewaltig waren die Mengen, die der verdrückte. Aber anscheinend war auch das nur Gewohnheit, denn niemand von den anderen äußerte sich dazu. Sich zu bücken und zu schauen, hätte also Verdacht erregt. Man sah ihn ohnedies schon etwas komisch an. Bis letztendlich das Mädchen, das sie Ramshin nannten, ihn sogar fragte: „Was ist denn mit dir los, Ant? Du bist doch sonst nicht so stumm. Außerdem hast du noch nicht einen einzigen Bissen gegessen.“

     Bis hierhin war alles gut gegangen. Aber einer direkten Frage konnte man nicht so einfach ausweichen. Und ein sich unsichtbar machen war jetzt auch nicht mehr möglich. Aber dass er schlecht erzählen konnte, was ihn wirklich bedrückte, war Anthony seltsamerweise auch klar. Es ist der Instinkt, der einen warnt. Und so versuchte er es mit einer Antwort, die überall anders den Frager sofort zufriedengestellt hätte, und ein weiteres Nachbohren erschwerte. Doch nicht hier, denn er sagte: „Ach, nichts weiter, ich glaub, ich habe nur schlecht geträumt.“

     Denn sofort trat Stille ein. Beklemmende Stille. Und fast war es so, als ob diese wenigen Worte, wie ein Blitz, mitten auf dem Tisch eingeschlagen hätten. Hände verharrten in der Luft, und selbst Broms vergaß zu kauen. Stille, die erst nach einigen Sekunden wieder mit vorsichtiger Stimme unterbrochen wurde. „Bitte, was hast du?“, fragte jetzt das Mädchen, das sie Sims nannten.

     Anthonys Augenlider flackerten nervös. „Ich glaub, ich habe nur schlecht geträumt“, wiederholte er das Gesagte. Allerdings diesmal im Tonfall schon etwas leiser, da er irgendwie merkte, dass hier gerade etwas schief lief. Phänomenal schief! Aber warum?

     Zum Glück fiel jetzt der alte Glomp in das Gespräch ein. Und etwas von der unglaublichen Spannung, die gerade noch so fordernd durch den Raum gezogen war, fiel von allen ab. „Ach, Kinder, hört nicht auf ihn, ihr wisst doch alle, dass Herr Ant gerne einmal einen Witz macht“, sagte er und fügte dann noch an, wobei er leicht mahnend den Zeigefinger seiner rechten Hand erhob, nachdem er ihn an seiner Schürze abgewischt hatte. „Obwohl dieser Scherz natürlich nicht ungefährlich ist.“

     Das waren die rechten Worte zur rechten Zeit. Und auch all die anderen Hände kamen nun wieder in Bewegung und sogar Broms erinnerte sich wieder an seine Zähne. Knirschend bissen diese in ein neues Brötchen.

     Ja, fast war alles wieder beim Alten. Und nur die, die sie Ramshin nannten, kicherte noch immer etwas aufgesetzt. „Ja, genau“, sagte sie. „Es ist ein höchst gefährlicher Scherz. Wissen wir doch alle wie das zweite Gebot lautet: Roboter träumen nicht. Robotern ist es untersagt zu träumen. Handelt ein Roboter wider dieser Anweisung, sind die Grauen Wachen unverzüglich zu informieren, und eine endgültige Abschaltung ist unumkehrbar.“ Und dann wandte sie sich direkt an Anthony, wobei sie mit ihrer Nasenspitze fast die seine berührte. „Überleg dir also gut, Ant, worüber du demnächst deine dummen Scherze machst.“

     „Ach lass ihn doch in Ruhe, Ramshin“, sprach nun wieder Sims. „Wir wissen doch alle, dass du die Gelehrte unserer Gruppe bist. Du musst es nicht immer so raushängen lassen. Mit den Gefühlen hingegen sieht es bei dir aber ja wohl eher etwas mau aus. Schau ihn dir doch nur einmal genau an, unseren Ant, es geht ihm einfach nicht gut. Er ist irgendwie ganz blass um die Nase. Vielleicht stimmt etwas mit seinem Energiemodus nicht? Glomp, das solltest du dir nach dem Frühstück unbedingt einmal anschauen.“

     Und fürwahr, das Mädchen hatte recht. Auch wenn Anthony nicht wusste, was sie mit Energiemodus meinte. Aber dass es ihm schlecht ging, das war noch untertrieben. Er war geradezu kreidebleich! War die Welt schon vorher ohne Ordnung, so geriet sie jetzt gänzlich aus den Fugen. Nein, das hier war nicht das Paradies. Das war so gut wie sicher. „Ich bin ein Roboter?“, fragte er matt.

     Das aber brachte das Fass zum Überlaufen. Sollte vorher noch ein Rest von Spannung die anderen ergriffen haben, so wich diese nun gänzlich. Und Broms, der schon wieder in ein neues Brötchen beißen wollte, prustete dieses vor lauter Heiterkeit in tausend Krümeln über den ganzen Tisch. „Natürlich bist du ein Roboter, Ant, du alter Scherzkeks. Wir sind alle Roboter“, stellte er fest.

     Und dann, wie auf Kommando, griffen sich alle an den Händen, wobei sie Anthony aber nicht vergaßen, und sangen laut:

 

Wir sind die Roboter, Roboter, Roboter,

Wir sind die Roboter, Roboter, Roboter,

LaLaLaLaLa

Wir sind die Roboter, Roboter, Roboter,

Wir sind die Roboter, Roboter, Roboter,

LaLaLaLaLa

 

Haben einen Weisen,

zu lösen alle Rätsel,

Haben einen Kämpfer,

zu lösen alle Steine.

 

Wir sind die Roboter, Roboter, Roboter,

Wir sind die Roboter, Roboter, Roboter,

LaLaLaLaLa

Wir sind die Roboter, Roboter, Roboter,

Wir sind die Roboter, Roboter, Roboter,

LaLaLaLaLa

 

Haben einen Magier,

zu wandeln alle Lichter,

Haben einen Wandler,

zu wandeln sich in allerlei.

 

Wir sind die Roboter, Roboter, Roboter,

Wir sind die Roboter, Roboter, Roboter,

LaLaLaLaLa

Wir sind die Roboter, Roboter, Roboter,

Wir sind die Roboter, Roboter, Roboter,

LaLaLaLaLa

…..

 

     Und endlos hätten die Strophen nun fließen können, doch plötzlich gebot Glomp Einhalt: „Halt, halt, Kinder, hört auf. Genug gelacht! Die Schule fängt gleich an und ihr müsst euch noch vorbereiten.“

     Um sich dann, nachdem er den Frühstückstisch abgeräumt hatte, wie angekündigt, sogleich um Anthonys Energiemodus zu kümmern. Was auch immer das sein mochte. Anthony war es kein Begriff. Aber wie in Trance ließ er alles über sich ergehen. Kerzengerade stellte er sich vor dem alten Mann auf. Und mit einem kleinen Gerät, das aussah wie ein Handy, fuhr dieser, im Abstand von vielleicht zwanzig Zentimetern, vor ihm auf und ab. Vom Kopf bis zum Bauch und wieder zurück. Und dann musste der Knabe sogar die Arme strecken, und es ging von links nach rechts und wieder zurück. Wobei das Gerät komische Piepslaute von sich gab. Und einige Lichter auf dem Display blinkten dazu. Manche im Takt, manche aber auch ganz ohne, was letztendlich Glomp zu der Aussage brachte: „In der Tat, Sie hatten recht, Fräulein Sims, der Energiemodus ist bereits im problematischen Bereich. Aber so seltsam es klingt, ich kann die Ursache der Störung nicht finden.“

     „Mist!“, stöhnte jetzt Ramshin auf, die ja eigentlich gar nicht angesprochen worden war, sich aber dennoch genauso angesprochen fühlte. „Und das jetzt so kurz vor der Abschlussprüfung. Du kriegst ihn doch wieder hin Glomp, oder? Wir können uns seinen Ausfall einfach nicht leisten.“

     „Ich werde sehen, was ich tun kann, Fräulein Ramshin“, antwortete der alte Mann sofort. „Aber ich kann Ihnen nichts versprechen. Vorerst kann ich nur empfehlen, jede Belastung von ihm fernzuhalten. Vielleicht erholt er sich ja von allein. Bei Erstsemester passiert so etwas leider häufig. Die Energiezellen sind noch nicht ganz gefestigt in ihrer Struktur.“

     „Ja, wir werden auf ihn aufpassen“, fiel jetzt Broms ein. Der an dem Geschehen mindestens genauso interessiert war wie all die anderen. „Wir sind ein Team. So haben wir es geschworen. Niemand steht für sich allein.“ Und mit einem lustigen Zwinkern der Augen deutete Anthony an, dass er das auch so meinte.

     Wo hingegen Ramshins Stöhnen nur noch einen Tick lauter wurde. „So ein blöder Mist, und das ausgerechnet jetzt“, jammerte sie. „Du hast ja gut reden, Broms, du musst nur deine dicken Muskeln trainieren, ich aber muss noch so viel lernen. Da sind noch mindestens an die zwanzig Bücher, die ich zu wälzen habe, für all die Tests“, wobei sie mit der Hand auf das Regal an der Wand deutete, wo mindestens noch zehnmal so viele in Reih und Glied standen. Anscheinend alle nur für sie reserviert.

     Und Broms wollte schon etwas antworten, doch Sims kam ihm zuvor: „Nun hab dich mal nicht so, Ramshin. Es ist ja nicht so, dass wir nichts lernen müssen. Wir Körperwandler, zum Beispiel, müssen uns in drei Sparten versuchen: Kopf, Hand und Fuß. Und das Einzige, was ich bis jetzt wirklich gut kann, das ist die Sache mit dem Kopf. Natürlich nicht mit dem Ganzen, ich bin ja nur ein kleiner Erstsemester. Aber immerhin das mit den Haaren kriege ich schon ganz gut hin.“ Und kaum hatte sie das ausgesprochen, da zog sie auch schon ihre blaue Kappe ab und veränderte, ohne ihre Hände oder ein anderes Hilfswerk zu benutzen, vor aller Augen ihre Frisur. Wobei ihr Haar aber nicht nur kürzer wurde. Nein, denn war es zuvor rot gewesen, war es jetzt plötzlich weiß sowohl als auch schwarz. Was seltsam klingt. Doch die eine Seite stand der anderen jetzt exakt entgegen. Wie mit dem Lineal am Scheitel gezogen. Und Anthony, der diese erstaunliche Metamorphose ganz genau beobachtet hatte, hätte vor Staunen beinahe wieder einmal das Atmen vergessen.

     „Echt abgefahren!“, meinte aber auch Broms anerkennend. „Ich hoffe, ich krieg das auch einmal so hin. Natürlich habe ich in dem Fach nicht so viele Stunden wie du. Es ist ja auch nicht mein Schwerpunkt. Aber vielleicht im dritten oder vierten Semester. Ansonsten muss ich schon sagen: Ihr lernt da echt tolle Sachen. Wir Kämpfer hingegen müssen immer nur trainieren und trainieren, da hat Ramshin schon recht. Tagaus, tagein. Aber das eine sage ich euch, das ist auch nicht ohne.“ Und kaum hatte er das gesagt, da krempelte er auch schon sein blau-weiß gestreiftes T-Shirt nach oben und zeigte, wie zum Beweis, einen seiner Oberarme.

     Einen Oberarm, wie ihn Anthony aber noch nie zuvor an einem Kind gesehen hatte. Und auch nur sehr selten bei einem Erwachsenen. Doch damit nicht genug. Denn jetzt war es fast so, als ob ein Luftballon in diesem steckte, der nun langsam, immer weiter und weiter, von seinem Besitzer aufgeblasen wurde.

     Doch bevor dieser platzen konnte, wonach es in der Tat kurzfristig aussah, er hatte bereits die Größe einer Zuckermelone erreicht, antwortete Sims: „Natürlich ist das nicht ohne, mein guter Broms“, wobei es jetzt an ihr war, sich anerkennend zu zeigen, was sie machte, in dem sie neckisch mit ihrem Zeigefinger in eben jenen Oberarm pikste. „Aber deswegen sind wir auch ein Team. Keiner von uns kann alles beherrschen. Ich kann nicht zaubern wie Ant, und niemand ist so schlau wie Ramshin. Aber wenn wir uns ergänzen, dann sind wir unschlagbar.“

     „Jawohl, so ist es!“, rief Broms und wollte schon wieder anfangen zu singen:

 

Wir sind die Roboter, Roboter, Roboter,

Wir sind die Robo…

 

     Womit er aber nicht weit kam. Denn der stets so gutmütig dreinblickende Glomp konnte auch streng werden. Wenn auch nicht gerne. „Auf, ihr Rasselbande!“, befahl er. „Ab zum Zähneputzen und dann raus aus dem Haus. Ihr wisst, die Lehrer können ganz schön unangenehm werden, wenn man sie warten lässt. Und besonders ein gewisser Doktor Wustlonom soll schon wegen kleinerer Vergehen eine endgültige Abschaltung gefordert haben.“ Und dann, als ob er etwas Wichtiges dort liegen hätte, klopfte er sich leicht mit der Hand an die Stirn und fügte noch an: „Und vergesst mir bloß eure Schulranzen nicht!“

 

--- Ende der Leseprobe ---

 

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