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Heidelinde Penndorf im Gespräch mit dem bekannten Buchautor und Journalisten Rainer Kahni, genannt Monsieur Rainer

Sehr geehrter Herr Kahni,

Ihre Leserschaft kennt durch das Interview mit der Journalistin Frau König ihre Vita und warum Sie Frankreich so lieben und mit Ihrer Familie dort leben. Sie gaben den Lesern Aufklärung über ihre Arbeit als Mitglied von Reporter sans frontieres, welche Hintergründe  wir  ihren exzellenten scharfzüngigen  Sprach-  und Schreibstil verdanken und welches ihre literarischen Vorbilder sind.

Auf Grund dessen möchte ich mich auf Fragen konzentrieren, die ungestellt blieben und deren Antworten Ihre Leserschaft ziemlich interessieren wird.

 

 

Ein Zitat besagt, dass Bücher die es wert sind, gelesen zu werden aus einem inneren Zwang heraus geschrieben worden. Gerade Ihre  Bücher„ Der Winkeladvokat“, „Commissaire Carlucci  – Tosca“ und „Luise Kautt  -  Blutfreitag“!  sind es wert gelesen zu werden. Haben Sie, sehr geehrter Herr Kahni diese drei Bücher aus einem innerem Zwang, heraus - seelenbefreiend geschrieben und war das „Wegschreiben bzw. Schreiben dann im Endeffekt tatsächlich seelenbefreiend?

 

Es ist richtig, dass alle meine Bücher in direktem Zusammenhang mit meiner Vita oder meinem Beruf als Journalist zu tun haben. Die drei Bücher TOSCA, BLUTFREITAG und DER WINKELADVOKAT sind der Versuch, meine bis heute ungeklärte Herkunft zu hinterfragen, zu recherchieren und aus drei verschiedenen Perspektiven zu beleuchten. Für alle drei Versionen meiner Abstammung, Herkunft, Geburt, Geburtsort, Geburtsjahr, Eltern usw. gibt es zwar Indizien aber keine belastbaren Beweise! Über meine Kindheit und alle vorher genannten Fakten webt bis heute ein klebriger Teppich aus Lügen, der sich wie ein chronischer Ausschlag auf meine Seele gelegt hat. Eine Erleichterung, eine Wahrheitsfindung oder eine seelische Befreiung haben mir weder die Recherchen, noch die zu Tage geförderten Belege gebracht! So werde ich also auch mit 70 Jahren keine Belege für meine Herkunft haben und in dieser grausamen Ungewissheit mein Leben beenden müssen.

 

Wenn Sie schreiben, sind Sie dann von ihrer Geschichte so vereinnahmt, dass sie ihre Umgebung und das aktuelle Geschehen um Sie herum, total aussperren?

 

Alle meine Romane sind Reportagen von wahren Ereignissen, die so keine Zeitung drucken würde. Der von mir sehr verehrte Jean Ziegler hatte den Mut, seine Recherchen in der Form von Sachbüchern zu veröffentlichen. Resultat: Die von ihm so Beschuldigten haben den Soziologieprofessor in den finanziellen Ruin geklagt. Daher habe ich meine Recherchen in die nicht justiziable Form eines Romans gekleidet und Namen und Orte verändert. Die Personen der Handlung sind jedoch bis zur Kenntlichkeit verfremdet, sodass der aufmerksame Leser sehr schnell den Sachverhalt erkennt. Ich habe also einen bis ins Detail aus - recherchierten politischen Skandal und weiß natürlich, dass kein Chefredakteur diese Reportage drucken oder senden würde. Also setze ich mich an meinen Computer und baue eine frei erfundene Rahmenstory um die Reportage. Die Recherchen dauern oft Monate und Jahre wie bei TOSCA, die schriftstellerische Aufarbeitung jedoch oft nur wenige Monate. Das ist höchste Konzentrationsleistung und duldet keinerlei Störung! In der Zeit bin ich für meine Familie gedanklich unerreichbar und menschlich ungenießbar! 

 

Wie nahe stehen Sie ihren Romanfiguren, ich erinnere speziell an Commissaire Flavio Carlucci, Santini, Gottfried, Tristan,  Gomez, Lo Grasso und Herve?

 

Meinen alten Freunden Santini, Gomez und Lo Grasso habe ich durch meine Romane ein Denkmal gesetzt. Ich war mit ihnen teilweise seit meinem 18. Lebensjahr befreundet. Flavio Carlucci könnte man als mein Alter Ego bezeichnen, denn er weist sehr viele meiner eigenen Charakterzüge auf, ein unangepasster und nicht korrumpierbarer Querdenker, dem sein unbeugsamer Willen und sein fehlender Respekt vor jeder Obrigkeit schon so manchen bösen Streich im Leben gespielt haben.

 

Sie haben Ihren Lesern über ihre Arbeit als Reportes sans frontiers  Aufschluss gegeben. Ihre Leser wissen, dass Sie als Berichterstatter in Krisen- und Kriegsgebieten vor Ort waren und so manche tiefgreifende Erlebnisse ihre Seele erschüttert haben. Sie haben Kameraden und Freunde, die auch Mitglieder Ihres Teams waren, während dieser Arbeit vor Ort verloren. Werden Sie sich auch diese erschütternden  Erlebnisse in einer Reportage oder Buch irgendwann noch von der Seele schreiben? 

 

Als Mitglied von Reporters sans frontières war ich Zeitzeuge vieler kleiner und großer schmutziger Kriege, die alle eines gemein hatten, sie begannen mit einer Lüge und sie endeten meist mit einer noch grösseren Lüge, um den verlogenen Kriegsgrund zu vertuschen! Der erste Tote in jedem Krieg ist die Wahrheit! Es gibt keine guten Kriege! Sie sind alle schmutzig und voller Niedertracht! Nichts daran ist helden- oder ehrenhaft! Wir Journalisten, die aus diesen Kriegsgebieten berichten, versuchen oft unter Lebensgefahr, die Wahrheit hinter den Propagandalügen herauszufinden. Das passt vielen an den Kriegen beteiligten Parteien überhaupt nicht! Reporters sans frontières beklagt jedes Jahr zwischen 50 und 100 in Kriegsgebieten getötete Reporter. Auch ich habe drei meiner engsten Freunde vor meinen Augen durch Granaten oder Kugeln sterben sehen. Hinzu kommen noch die Eindrücke von grausam verstümmelten Männer, Frauen und Kinder. Am schlimmsten aber haben mich die verhungerten Kinder in den weltweiten Flüchtlingslagern der UNHCR traumatisiert. Jede fünf Sekunden stirbt auf dieser monströsen Welt ein Mensch an Hunger. Und wir Journalisten können nichts daran ändern. Ich habe einen Roman mit dem Titel DER REPORTER begonnen, aber nach Sichtung all meines Materials wieder weggelegt, denn ich weiß nicht, ob ich noch die Kraft dazu habe, diese schrecklichen Ereignisse noch einmal Revue passieren zu lassen. 

 

Sehr geehrter Herr Kahni, Sie sagen wortwörtlich: „Kein Land hat mich besser behandelt und herzlicher aufgenommen wie Frankreich!“ Und trotzdem haben die Leser ihrer Kolumnen das Gefühl, dass ihr Herz in Deutschland fest verankert ist!  Aus welchem Grund versuchen Sie immer und immer wieder die Sofademokraten Deutschlands sozusagen mit Ihrer Ihnen eigenen brachialen Sprachgewalt aufzurütteln?

 

Es ist richtig. Als ich völlig am Ende war, hat mir Frankreich eine neue Heimat gegeben und mich aufgenommen. Aus diesem Grunde bin ich auch ein glühender französischer Patriot und leidenschaftlicher Europäer geworden. Doch keinen Tag lassen mich die Ereignisse in Deutschland los. Ich bin während des II. Weltkrieges und bis hinein in die Zeit des Wirtschaftswunders am Bodensee aufgewachsen und fühle mich verpflichtet, den Menschen in Deutschland immer wieder die geschichtliche Entwicklung der Bundesrepublik mit all seinen Geburtsfehlern vor Augen zu führen. Die Bundesrepublik wurde von den West - Alliierten gegründet. Die suchten sich einige anständig gebliebene Frauen und Männer, die ein provisorisches Grundgesetz nach den Vorstellungen der alliierten Siegermächte zusammen bastelten. Niemand hatte damals das Recht, darüber abzustimmen, schon gar nicht die von den Sowjets besetzten Deutschen. Deshalb haben auch die Gründerväter des provisorischen Staats – Fragmentes namens Grundgesetz die Hoffnung auf eine Wiedervereinigung im Grundgesetz festgeschrieben. Gemäß Artikel 146 GG sollte nämlich nach der Wiedervereinigung dieses provisorische Grundgesetz durch eine vom ganzen deutschen Volke beschlossene Verfassung ersetzt werden. Um diese Verfassung der Bürger für die Bürger sind die Deutschen von den Politikern betrogen worden, weil sie nichts mehr fürchteten als die Macht des Volkes! Gegen diesen Betrug am deutschen Volke unternimmt der Deutsche nichts! Er ist und bleibt der ewige Untertan, denn er musste auch noch nie für seine demokratischen Rechte einstehen.

 

Sie sind ein glühender Verfechter eines vereinten Europas. Wie würden Sie Ihre Vision eines futuristischen Europas beschreiben?

 

Gerade aus den verheerenden Verwüstungen des II. Weltkrieges in den Ländern, Städten, Familien und in den Hirnen der Menschen kann es nur eine einzige Lehre geben. Nie wieder darf es zu so einer Katastrophe kommen. Aus diesem Grunde wurden, initiiert von de Gasperi, de Gaulle, Monnet, Schumann und Adenauer im Jahre 1950 die römischen Verträge geschlossen. Alles in Europa ist wichtig für den Frieden der Menschen in Einigkeit, Gleichheit, Gerechtigkeit und Wohlstand. Europa leidet natürlich noch an Geburtsmängeln, die es zu beseitigen gilt. Das ist eine mühsame Arbeit! Der größte Fehler Europas ist jedoch, dass die heutigen Politiker nicht bereit und auch nicht in der Lage sind, der Jugend die großartige Idee von Europa zu erklären. Stattdessen reduziert sich in den Augen der Menschen Europa immer mehr auf Geld. Krämerseelen haben sich dieses Europas bemächtigt und bieten den Menschen ein abstoßendes Schauspiel! Es ist die Aufgabe meiner Kriegsgeneration, immer wieder Europa zu erklären, wenn schon die heutigen Politiker dazu nicht fähig sind. Europa ist eine Notwendigkeit! Europa muss eine basisdemokratische politische Union mit einheitlichen Wirtschafts- Sozial- Bildungs – und Rechtsnormen werden!

 

Wie sehen sie die Entwicklung des Verlagswesens in Frankreich und Deutschland?

 

Das Verlagswesen in Deutschland folgt weitgehend nur noch der Gewinnmaximierung. Entweder wird der Boulevard zwischen zwei Pappdeckel gepresst und dem voyeuristischen Publikum um des schnellen Geldes Willen zum Fraße vorgeworfen, oder es werden Rechte von Bestsellern aus anderen Ländern gekauft, übersetzt und promotet. Der Holocaust hat eine nicht mehr zu schließende Schneise im Verlagswesen, sowie auch in der Literatur hinterlassen. In Frankreich hat ein Schriftsteller einen völlig anderen Stellenwert in der Gesellschaft. Die Verlage stellen hohe Ansprüche an das geschriebene Wort. Im besten Fall kann ein französischer Schriftsteller in den Olymp der Unsterblichen ( Les Immortelles) also in die Academie française aufgenommen werden. 

 

Wie wichtig ist Ihnen die französische – deutsche Länderfreundschaft, auch unter der Sicht der Entwicklung Europas, der Demokratie und des Friedens?

 

Frankreich und Deutschland sind die größten Länder Europas und haben die Pflicht, die großartige Idee von Europa voran zu bringen. Nie wieder darf es zu diesem verheerenden deutschen Chauvinismus kommen, der Frankreich in die größten Katastrophen der Neuzeit getrieben hat: 1870, 1914 und 1940 

 

Wie wichtig sind Ihnen als Buchautor und Journalist  ihre deutschen Leser? Und wie wichtig ist Ihnen der direkte Austausch mit Ihnen?

 

Ich schreibe meine Bücher in französischer und in deutscher Sprache. Viele meine Bücher handeln von französischen Skandalen und werden hier gerne gelesen. Auch in Deutschland hat sich eine treue Fan – Gemeinde meiner Bücher gebildet, die mir sehr am Herzen liegt

 

Das Zitat „Wer schreibt der bleibt“ hat ja durchaus seine Berechtigung. Mit ihrem Gesamtwerk der Reportagen, Kolumnen und Bücher hinterlassen Sie den zukünftigen Generationen insgesamt ein durchaus politisches Erbe. Das ist eine große Verantwortung, die Sie da übernommen haben. Wie stehen Sie dazu?

 

Ich bin mir meiner Verantwortung als Journalist, Reporters sans frontières und Buchautor sehr bewusst, nehme aber prinzipiell auf Befindlichkeiten keine Rücksicht. Political correctness legt sich wie ein chronischer Ausschlag auf das politisch gelähmte Deutschland. Diese political correctness ist mir ein Gräuel! 

 

Was wollten sie Ihren Lesern als Buchautor und Journalist schon immer mal sagen?

 

Meinen Lesern wollte ich schon immer zurufen: Lest mehr Tucholsky, mehr Heine, mehr Lichtenberg, mehr Ziegler und ab und zu meine Bücher!

 

Ich danke Ihnen herzlichst für dieses authentische und aufschlussreiche Interview.

Heidelinde Penndorf

Gespräch geführt am 04.11.2012

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